Verse aus Kindertagen

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Bewohnerinnen der Wohngemeinschaft für Demenzbetroffene machen begeistert beim „Gedichte raten“ von Lars Ruppel mit Foto: blu
 
Pflege-Kraft Dirk Grundewald rezitierte ein Ringelnatz-Gedicht, das Senioren erkannten Fotos: blu

Senioren erinnern sich mit „Alz-Poetry“

Norderstedt. „Dunkel war’s, der Mond schien helle..“ Während Lars Ruppel das Spottgedicht mit unbekanntem Autor aufsagt, schaut er in zwölf neugierige, vom Alter gezeichnete Gesichter. Spontan fällt ihm ein alter Herr mit schlohweißem Haar ins Wort und führt das Gedicht fort „...als ein Auto blitzesschnelle langsam um die Ecke fuhr.“ Der Rentner lächelt.
Der betagte Mann weiß zwar nicht, welcher Tag gerade ist und wo er seine Schuhe abgestellt hat, doch an Gedichte aus seiner Kinder- und Jugendzeit erinnert er sich genau. Er ist ein Bewohner der Wohngemeinschaft für Demenzbetroffene, die im Seniorenzentrum Garstedt einen einzigartigen Workshop miterlebten. „Alz-Poetry“ nennt sich die Idee und kommt aus den USA. Gedichte, Balladen und Lieder werden genutzt, um einen emotionalen Zugang zu Demenzpatienten zu finden. „Die Erinnerung an Verse und Reime bleibt bis ins hohe Alter erhalten“, sagt Lars Ruppel, der das erfolgreiche Projekt „Weckworte“ ausgearbeitet hat. „Das kürzeste Gedicht ist ein intensiver Impuls fürs Gehirn. Poesie fordert jeden heraus zuzuhören, innezuhalten, nachzudenken“, so der 28-Jährige. Ruppel ist ein bekannter Poetry-Slammer aus Hessen, der sich regelmäßig vor begeistertem Publikum mit anderen Poeten auf der Bühne Dichterwettstreite liefert. Nun also vor und mit Senioren in Garstedt sowie 15 Pflege-Kräften, die einen Kurs am Norderstedter Institut für Berufliche Aus- und Fortbildung besuchen. Auf Einladung der Büchereizentrale Schleswig-Holstein haben Letztere zwei Stunden zuvor in der Stadtbücherei theoretische Einblicke in die Macht von Poesie erhalten. „In jeder Gedichtzeile steckt Bewegung, die die Patienten mitmachen können, wertvolle Bewegungen der Erkennung“, animiert Lars Ruppel die Teilnehmer. Das Gekicher unter den Kursbesuchern war zunächst groß. Nur wenige trauten sich poetische Zeilen laut vorzulesen, geschweige denn spielerisch mit Gesten zu unterstreichen.
„Ich war sehr aufgeregt und habe am ganzen Körper gezittert“, gesteht Elisa Böttcher später. In der Pflege ist sie ein Profi. Seit zehn Jahren kümmert sich die Kisdorferin beruflich um das Wohlergehen von alten und pflegebedürftigen Menschen. Doch mit Heinz Erhardts lustiger „Made“ tut sie sich zunächst schwer. „Und der Gatte, den sie hatte, fiel vom Blatte und diente auf diese Weise einer Ameise als Speise“, murmelt sie leise vor sich hin. „Lauter, kräftiger“, fordert Ruppel sie auf. „Soviel Energie ihr in euren Vortrag steckt, so viel bekommt ich auch zurück“, motiviert der erfahrene Poetry-Slammer die Neulinge. Und die werden tatsächlich lockerer. In gelöster Stimmung geht‘s zum Seniorenwohnheim. Pflegeschüler Dirk Grunewald hat sich das Gedicht „Morgenwonne“ von Joachim Ringelnatz ausgesucht. „Ich bin so knallvergnügt erwacht. Ich klatsche meine Hüften“, beginnt er gestenreich, „das Wasser lockt. Die Seife lacht“ – und nicht nur die, auch die dementen Herrschaften lachen, bewegen sich, einige sprechen sogar mit. „Das war ein tolles Erlebnis und hat mir neue Impulse für meine Arbeit gegeben“, resümiert der Henstedt-Ulzburger. Andere sind skeptisch, ob im Pflegealltag tatsächlich Zeit dafür bleibt, diese innovative Technik einzusetzen. Doch auch hier hat Lars Ruppel aufmunternde Worte: „Fangt klein an, etwa im Rahmen der Grundpflege. Wenige Zeilen reichen, es muss nicht Goethe sein. Kurze Kindergedichte genügen Patienten zu erreichen und anzuregen – ihre Reaktionen
werden es euch lohnen. Traut euch!“ (blu)
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