Chance für die "Burg"?

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Die Bugenhagenkirche am Biedermannplatz ist seit mehreren Jahren ein kultureller Hort: Seit 2012 residiert hier das Theater „Die Burg“. Der zum Verkauf stehende Kirchenbau wurde kürzlich entwidmet Fotos: Barth
 
Theaterintendantin Jennifer Rettenberger möchte gerne weitermachen

Gnadenfrist für Theater in der Bugenhagenkirche. Kündigung auf August verschoben

Von Daniela Barth
Barmbek Was wird aus der Bugenhagenkirche? Steht ein Verkauf an – und wenn ja, an wen? Sind das darin residierende Theater „Die Burg“ und alle anderen Mieter, wie etwa die Deutsche Eventakademie, die Veranstaltungstechniker oder Requisiteure ausbildet, gefährdet? Diese Fragen treiben derzeit den Stadtteil und mittlerweile auch die Bezirkspolitik um. Die Bezirksabgeordneten Hamburg-Nords haben sich eingeschaltet. Jetzt hat der Bezirk erreicht, dass die eigentlich zu Mai wirksame Kündigung des Theaters und aller anderen Insassen um drei Monate verschoben wird. So soll Zeit bleiben für weitere Gespräche und Verhandlungen für die Weiternutzung des Kirchenbaus am Biedermannplatz.

Der opulent-sakrale, denkmalgeschützte Klinkerbau aus den späten 1920-er Jahren gehört dem Kirchenkreis Hamburg-Ost. Seit 2004 wird die Kirche am Biedermannplatz allerdings nicht mehr als solche genutzt, einige Jahre gab es hier die Kulturbühne Bugenhagen, seit 2012 beherbergt sie das Theater „Die Burg“. Durchaus mit Erfolg, wie dessen Intendantin Jennifer Rettenberger betont. Besucherzahlen in Höhe von 30.000 im Jahr 2015 kann sie vorweisen.
Weitere Mieter in dem imposanten Kirchenbau haben alle in irgendeiner Form etwas mit Theater zu tun: die Eventakademie, ein Tonstudio, das Atelier einer Bühnenbildnerin, seit Oktober vorigen Jahres gibt es eine Tanzsparte und das Hausensemble „Das Elbe vom Ei“ nutzt ebenfalls regelmäßig die Probebühne. Inzwischen seien die Einnahmen so hoch, dass die jährliche sechsstellige Summe für die Betriebskosten fast gedeckt werden könne, so Jennifer Rettenberger. Die gelernte Bühnenmeisterin sieht aber noch einiges Entwicklungspotenzial, zum Beispiel könne ein Theaterkindergarten ins Haus. Momentan nutzt diese Räume, in denen früher schon mal eine Kita war, die Mitarbeitervertretung des Kirchenkreises Ost.

Plan B: Verkauf

Fakt ist: der finanziell klamme Kirchenkreis, bei dem auch Rettenberger noch bis Ende April angestellt ist, will die Bugenhagenkirche abstoßen. Plan A war die Rückgabe der Kirche und des Grundstücks an die Stadt, genauer an die Finanzbehörde. Die will die Immobilie aber nicht zurückhaben. Das städtische Grundstück, auf dem die Kirche steht, wurde dem Kirchenkreis zur Nutzung überlassen. Die Finanzbehörde sei – so heißt es auf Nachfrage – nunmehr sogar bereit, „das Grundstück dem Kirchenkreis oder einem Dritten unentgeltlich zu übertragen“. Daher Plan B: Verkauf der Kirche. Und hier wird es kniffelig. Denn der erste Interessent, mit dem bisher verhandelt wurde, ist die Eastside Projekt gGmbH. Das ist eine kleine ökumenische Gemeinde mit 95 Mitgliedern aus verschiedenen christlichen Konfessionen. Aber mit großen Visionen, wie deren Pastor Jochen Weise erklärt. Sein Konzept, welches Investitionen bis zu acht Millionen Euro erfordern würde, sieht zwar auch ein Theater samt Café vor, aber nicht die „Burg“. Und auch alle anderen Mieter müssten raus, denn die Eastside-Gemeinde möchte die Kirche ihrem religiösen Ursprung zuführen und plant Gottesdienst- und Gebetsräume – und ein „Museum der Religionen“ und eine „Christliche Volkhochschule“. Auch Neubauten auf dem Grundstück neben der Kirche stellt sich Weise vor: ein Mehrgenerationenhaus, Arztpraxis, Studentenwohnungen, Fitnessstudio, Kindergarten, Geschenkartikelladen und eine „Job-Factory“ für Jugendliche und Flüchtlinge.
So manchem Bezirkspolitiker schmecken diese Pläne nicht. Michael Werner-Boelz, Fraktionssprecher der Grünen, und Ralf Lindenberg von der FDP lehnen den Aspiranten gar als „sektenähnlich“ ab und sprechen sich klipp und klar für den Erhalt der jetzigen „Burg“ aus. Ähnlich sieht das Alexander Kleinow von der SPD, der allerdings von einer Bewertung der Eastside-Gemeinde Abstand nimmt. CDU-Politiker Martin Fischer distanziert sich ausdrücklich vom Begriff „sektenähnlich“ und lehnt das Konzept der Eastside-Gemeinde nicht rigoros ab. Vielmehr wolle er sich „die Konzepte beider Interessenten vorstellen lassen und dann entscheiden“ - denn inzwischen gibt es ganz offiziell einen zweiten: Den Hamburger Immobilienunternehmer Manfred Vogler. Der strebe eine kulturelle Weiternutzung durch die „Burg“ an, weiß Michael Werner-Boelz. Dieses Angebot favorisiert der Bezirkspolitiker im Interesse des Stadtteils, denn durch die „Burg“ sei die Kirche ein „offener Ort, der zur kulturellen Teilhabe und zum Austausch anregt“.
Und wie steht der Kirchenkreis Ost dazu? Presse-
sprecher Remmer Koch: „Unser Interesse ist, dass alle Verhandlungspartner zu einem für den Bezirk guten und einvernehmlichen Ergebnis kommen. Obgleich wir bei der letztendlichen Entscheidung nicht das Zünglein an der Waage sind, können wir sagen, dass beide Varianten, kirchliche oder kulturelle Nachnutzung des Gebäudes, für uns tragbar sind.“ Die Tendenz im Stadtteil scheint klar: Über 1.000 Hamburger haben sich mit ihrer Unterschrift für den Erhalt der „Burg“ auf einer im Theater ausliegenden Liste entschieden.
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