Raubzug durch Hamburgs City

Anzeige
Gerd Leins und Iris Karge sind Einzelhändler in der Gänsemarkt Passage Foto: mdt
 
Gerd Leins ist Inhaber von zwei Kofferläden in der Innenstadt Foto: mdt
Hamburg: Gänsemarkt 50 |

Zahl der Ladendiebstähle in der Innenstadt explodiert. Viele Händler fühlen sich von Polizei und Justiz im Stich gelassen

Von Marco Dittmer
Hamburg-City
Gerd Leins hält wieder so einen Brief von der Staatsanwaltschaft Hamburg in der Hand. Wieder wird ein Verfahren gegen einen Ladendieb aus seinem Geschäft eingestellt, es ist in diesem Jahr schon der vierte Brief dieser Art.
Dem 56-Jährigen gehört der Traditions-Kofferhandel Klockmann. Dazu gehören ihm zwei Geschäfte in der Innenstadt, eines am Flughafen und eine Kofferwerkstatt. Insgesamt arbeiten 30 Mitarbeiter in seinem Unternehmen. Allein in den beiden Geschäften am Jungfernstieg und der Gänsemarkt-Passage sind in diesem Jahr 18 Koffer oder Taschen gestohlen worden. „Die Diebe werden immer professioneller und dreister, gehen oft nach einem Muster vor“, sagt Leins. So kommen sie häufig zu dritt. Einer stehe vor dem Geschäft und beobachtet das Umfeld und die Verkäufer durch die Fensterfront, ein anderer lenkt die Verkäufer durch Gespräche ab. Der dritte wartet dann nur noch einen günstigen Moment ab und greift blitzschnell zu.

Diebstähle nehmen zu


Von einer ähnlichen Masche berichtet auch der Inhaber des Showrooms. Der 34-Jährige möchte seinen Namen nicht nennen. Er hat schon Dutzende Diebstähle in seinem Geschäft beobachtet, leider meist auf Aufzeichnungen lange nach der Tat. Dabei ist auch ihm die zunehmende Spezialisierung und Organisation der Diebe aufgefallen. „Die Männer sind die Späher, sie bleiben draußen. Die Frauen kommen rein und klauen“, beschreibt der Modehändler das methodische Vorgehen. Allein in seinem Showroom beträgt der Schaden mehr als 15.000 Euro.

Verfahren werden oft eingestellt


Die Polizei-Statistik bestätigt den Trend: Seit vier Jahren in Folge steigen die Zahlen der angezeigten Diebstähle. Lagen sie 2012 noch bei 14.124, waren es 2015 schon 15.781 Fälle, eine Steigerung von 7,6 Prozent. Für die Innenstadt sind die Zahlen noch eindeutiger. Hier wurde die Polizei im vergangenen Jahr 2.581 Mal in die Geschäfte gerufen, eine Steigerung von 35,1 Prozent zum Vorjahr. In diesem Jahr fürchten viele Händler eine weitere Steigerung. Bundesweit rechnet der Handelsverband Nord mit einem Verlust von rund 55 Millionen Euro (Stand 2015). Der Senat rechnete im selben Jahr dagegen mit einem Schaden von knapp 1,8 Millionen Euro in Hamburg. Doch die Statistik hat einen Haken, da sie nur angezeigte Fälle aufweist. Da viele Händler den Schaden aber erst bei der jährlichen Inventur feststellen, werden sie nicht mehr als Diebstahl registriert. Oder sie zeigen die Diebstähle erst gar nicht mehr an, wie Gerd Leins. „Die Verfahren werden sehr oft nur eingestellt“, sagt der Kofferhändler.

„Sehr professionelle Täter“


„Dass ein Verfahren eingestellt wird, kann viele Gründe haben. Zum Beispiel bei geringem Schaden (unter 25 Euro) oder wenn parallel ein weiteres schwerwiegenderes Verfahren läuft. Keine Vorstrafen oder der Grad der kriminellen Energie wirken sich ebenfalls mildernd aus“, sagt Nana Frombach von der Staatsanwaltschaft Hamburg. Entgegen den Beobachtungen der Händler stehen die Aussagen der Polizei. Vom Senat befragt, haben Hamburgs Polizisten kaum Erkenntnisse zu organisierten Banden. Gleichwohl gebe es neben dem Großteil an Einzeltätern auch „sehr professionelle Täter“, so die Antwort von Mitte Juli. Ob Koffer, Taschen oder Bekleidung, die Diebe haben es entweder auf hochwertige und teure Ware oder kaum gesicherte also leichte Beute abgesehen. Viele Händler setzen auf hochauflösende Überwachungssysteme. Sicherheitskräfte sind vielen dagegen oft zu teuer. Nur ein Sicherheitsmann ist für wenige Stunden pro Tag am Gänsemarkt in zwei Shopping-Passagen unterwegs. Gerd Leins hofft, dass die Politik das Thema nun aufgreift und ernst nimmt. Bis dahin wandern die Briefe der Staatsanwaltschaft weiter in seinem Papierkorb.

Was sagen Sie zu dem Thema?


Schreiben Sie uns Ihre Meinung an: wbv.redaktion@hamburger-wochenblatt.de
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige