"Carmen": Frau mit Freiheitsdrang

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Ganz beiläufig tötet Don Jose (Nikolai Schukoff) seine Geliebte Carmen (Elisabeth Kulman). Die Kneipengäste verfolgen lieber einen StierkampfFotos: Brinkhoff / Mögenburg

Bizets „Carmen“ wurde in der Inszenierung der Hamburgischen Staatsoper milieugetreu umgesetzt

Hamburg. „Carmen“ begeistert einmal mehr die Hamburger Opernfreunde. Tosenden Beifall gab es nach der Premiere in der Hamburgischen Staatsoper. Das berühmte Werk von George Bizet feierte kürzlich zum neunten Mal Premiere in Hamburg.
Regisseur Jens-Daniel Herzog hat sich auf die Geschichte konzentriert, verwendete die originalen Dialoge und nicht die eher übliche Fassung mit Rezitativen.
Herausgekommen ist eine „Carmen“ ohne Folkore und überhöhte Liebesdramatik, ohne Kastagnetten-Tanz und üppig-bunte Kostüme, „eine Oper der einfachen Leute“, wie Herzog sie nennt. Die Geschichte spielt in seiner Fassung ganz deutlich verortet und kostümiert dort, wo sie hingehört, in einer Fabrik, einer finsteren Spelunke, einer Kneipe mit Sportübertragung, unter Soldaten, Kleinkriminellen und Fabrikarbeiterinnen. Elisabeth Kulman spielt die Carmen nicht als geheimnisvolle Femme Fatale, sondern als eine arme Frau mit großem Freiheitsdrang, die sich in von Männern dominierten Welten behaupten muss und sich darauf mit weiblichen Waffen sehr geschickt versteht.

Der Schönen verfallen

Männer sind verrückt nach ihr wie der ordentliche, gewaltbereite Soldat Don José, der sich von Carmen von seinem geraden Karriereweg abbringen lässt. Er verfällt ihr, schließt sich ihr zuliebe einer Schmugglerbande an, geht an ihr zugrunde. Diese Geschichte spielt sich unter harten sozialen Bedingungen ab. Die meisten Akteure handeln aus existenzieller Not. Herzog versteht es, diese „Urgeschichte“ der „Carmen“ herauszuarbeiten - in der großen Ausstattung der Staatsoper freilich.
Carmen ist bei Elisabeth Kulman eine selbstbewußte Überlebenskämpferin, wird mit schwarzen Strapsen aber auch als Sexobjekt herausgestellt, knüpft so an gewohnte Carmen-Bilder an. Kulman weiß vor allem mit großartiger Stimme zu begeistern. Nikolai Schukoff kommt musikalisch als Don Jose erst langsam in Fahrt, überzeugt dann aber umso mehr.
Großartige Choreografien betonen das Gruppenverhalten von Fabrikarbeiterinnen, Schmugglern und Kindern, die sich bereits in diesem Milieu behaupten müssen. Eine „Carmen“ im richtigen Milieu. Vorstellungen noch am 7. und 12. Februar (19 Uhr) sowie am 9. Februar um
18 Uhr. (ch)
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