Erst die Manie, dann die Agonie

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Charly Hübner als Onkel Wanja Foto: Klaus Lefebvre

Karin Beier inszeniert Anton Tschechows Tragikomödie „Onkel Wanja“ mit Charly Hübner im Deutschen Schauspielhaus Hamburg

Von Daniela Barth
St. Georg
„Spasitje naschi duschi - Rettet unsere Seelen“ – Wladimir Wyssozkis Reibeisenstimme vom knisternden Vinyl zerreißt – fast schon wie ein Leitmotiv – die immer mal wieder aufblitzende, dann bis ins Unerträgliche gesteigerte, Apathie des Daseins auf Onkel Wanjas Gut in der russischen Provinz. Wyssozki (1938-1980) gilt als der größte sowjetische Liedermacher des 20. Jahrhunderts, der russische Bob Dylan, ein subversiver Künstler, der gegen den Totalitarismus dichtete und sang. Ein genialer Schauspieler und schwerer Alkoholiker, der im Hamletkostüm auf der Bühne starb und als Hamlet quasi begraben wurde; der in seiner Kunst seine selbstzerstörerische russische Seele manifestierte.

Dass Karin Beier, Intendantin des Hamburger Schauspielhauses, ausgerechnet diesen kämpferischen Melancholiker und russischen Volkshelden mit in ihre gescheite Tschechow-Inszenierung packt, kann nicht zufällig sein. Wie es auch dem Bühnenbild (Johannes Schütz) nicht an ungeheurer Symbolkraft mangelt: Ein riesiger brachliegender Acker, abgründig, unfruchtbar, dunkel und kalt: da wächst nichts mehr. Darüber ein schmaler hölzerner Grat, auf dem das Schauspieler-Ensemble wandelt und watschelt, wankt und schwankt, tanzt und strauchelt, trompetet und posaunt, schnarcht und schmatzt, tobt und stürzt. Ein Balanceakt in jeglicher Hinsicht. Es ist schmerzhaft und lächerlich zugleich, was Tschechows seelisch arg gebeutelten Protagonisten alles anstellen, um den eigenen Verfall und die vermeintliche Sinnlosigkeit ihrer Existenz zu verleugnen, der sie sich letztlich dann doch hilflos hingeben. Nicht ohne ordentlich daran zu leiden.

Der Agonie geht die Manie voraus. Regisseurin Beier setzt hierbei auf gnadenlose Überzeichnung – und das Ensemble setzt das in grotesken Posen großartig um. Allen voran Lina Beckmann als unglücklich in den alkoholsüchtigen, zynischen Arzt Astrow (Paul Herwig) verliebte, burschikose und ungelenke Sonja. Auch Charly Hübners Wanja ist zeitweise so anrührend traurig clownesk, man möchte diesen tapsigen Tobebär am liebsten in den Arm nehmen, beruhigend hin und her schaukeln und sagen: „Ja, ja, du hast recht, du wärst ein toller Schopenhauer geworden…“ Wenn – ja, wenn er nicht sein Leben und seine Arbeit vergeudet hätte an den Professor (Oliver Nägele), der nichts weiter vorzuweisen hat als Schulden und kein Werk – sowie seine verführerische Frau Elena (Anja Lais). In die sich Wanja närrisch verliebt, die wiederum langweilt sich tödlich und verzweifelt an ihrer eigenen Passivität.

Dem Verhalten beziehungsweise auch Nicht-Verhalten, der emotionalen Verwirrung und dem Scheitern dieser Menschen wohnt eine unfreiwillige Komik inne, die Karin Beier gezielt forciert – nicht selten doch auch so, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt… Am Ende fällt leis’ der Schnee vom Theaterhimmel und deckt als weiße Pracht den ganzen menschlichen Schlamassel einfach zu. Und Wyssozki singt dazu: „Rettet unsere Seelen.“ Und alle werden weiter machen wie bisher. „Keine Literatur kann in puncto Zynismus das wirkliche Leben übertreffen“, so beschrieb es Anton Tschechow selbst. Stimmt schon, aber im Schauspielhaus kommt man dem doch zumindest nah.

Vorstellungen von „Onkel Wanja“: 26. Februar, 20 Uhr, und 8. März, 15.30 Uhr, Deutsches Schauspielhaus Hamburg, Kirchenallee 39, Karten: 24 87 10
Weitere Infos: DeutschesSchauSpielHausHamburg
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