Godot? Is’ mir egal

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Gogo (Jörg Pohl) singt des Wartens müde „I go to sleep“ von Ray Davies. Hinten: Gogo (Jens Harzer) Foto: Smailovic

Samuel Becketts absurdes Stück „Warten auf Godot“ im Thalia Theater

City „Dummes Zeug reden“, das kennt man ja. Vor allem wenn man wartet. Lange wartet. Eine gefühlte Ewigkeit. Auf den Zug zum Beispiel, der sich verspätet... Oder auf Antwort auf die eine Frage… Im Theater warten Wladimir und Estragon schon seit über 60 Jahren auf „Godot“. Samuel Becketts absurder Zweiakter muss seither für allerlei Interpretationen herhalten. Wer ist Herr Godot? Gott, Fluchthelfer oder der Tod, das Nichts? Der Autor selbst hat alle Fragenden auf eine Antwort warten und sie dummes Zeug reden lassen.
Regisseur Stefan Pucher entblättert in seiner Inszenierung des „Warten auf Godot“ am Thalia Theater den reichlich angestaubten – vermeintlich – intellektuellen Tief- wie existentialistischen Hintersinn mit einer geradezu unerträglichen Schnodderigkeit, bis Wladimir (Jens Harzer) sich wortwörtlich erbrechen muss. Hingerotzte Sinnlosigkeit des Daseins. Zynismus pur. Und eben: „Dummes-Zeug“-Gelaber, wie Beckett seine Protagonisten selbst sagen lässt. Jede Entblößung, ob seelisch oder körperlich: ein Angriff, eine aggressive Entgleisung. Kaum aushaltbar fürs Publikum, wären da nicht zwischenzeitlich helle komische Momente insbesondere des naiv-schlicht angelegten Estragons „Gogo“ (Jörg Pohl), die aber sofort von Harzers Wladimir „Didi“ sarkastisch gebrochen werden. Dem man anmerkt, wie erbärmlich und verloren er sich doch in der Rolle des Wartenden fühlt – und doch nicht anders, nicht aus seiner Haut kann. Der sich in Provokation flüchtet, und dessen Wartestellung mehr und mehr zur Lauerstellung wird.
Beide tragen schlampigen Rapper-Look mit Hut, Wladimir außerdem eine dicke Nerd-Brille. Sie warten in einem Europaletten-Gebirge - Stolperfallen und Abgründe inbegriffen (Bühne: Stéphane Laimé). Spätestens wenn Didi zum Mikro greift und das Kinderlied „Ein Hund kam in die Küche“ mit dem Kazim-Akboga-Youtube-Hit „Is‘ mir egal“ mixt, sind die beiden bitteren Clowns im Hier und Jetzt angekommen. Je mehr Didi die Zuschauer mit „Is‘ mir egal“ penetriert, desto offensichtlicher wird: Dummes Zeug! Ist es ihm nicht. Godot soll der Retter sein, der ihn erlöst. Oder singt er hier vor einer imaginären Jury, hoffend auf den „Recall“?

"Man hat ja Zeit in der Folterkammer"

Die Warterei unterbrechen der sadistische Pozzo (Oliver Mallison) und Prügelknabe Lucky (Mirco Kreibich) - die beckett‘sche „Herr-Knecht-Version“, deren Verhältnis sich im zweiten Akt auf fatale Weise umkehrt. Beide in Schwarz, Lucky gar mit Kapuze überm Gesicht: Eine Reminiszenz an das Abu Ghuraib-Foltergefängnis?Jedenfalls entlädt sich beim Zusammentreffen der vier jeweils eine ungeheuerliche Brutalität. Sei es beim tretenden, brüllenden und um sich schlagenden Pozzo, der seinen Knecht auf Befehl tanzen und denken lässt. Meisterhaft speit Mirco Kreibich als gequälte Kreatur Lucky hier Becketts parodistisch angelegten, weil vollkommen wirren, absurd-metaphysischen Beweis von der Existenz eines Gottes „kwakwakwakwa mit weißem Bart kwakwa“ hinaus. Passend übrigens auch Luckys lakonischer Hinweis: „Man weiß nicht warum, aber man hat ja Zeit in der Folterkammer (…)“
Wie perfide doch Didis und Gogos „Schande“-Geschrei und Appelle an die Menschlichkeit sind, zeigt sich später gegenüber dem erblindeten ergo hilflosen Pozzo. Dem verpassen sie in einem regelrechten Gewaltexzess Tritte und Hiebe. Und selbst Lucky beißt und kratzt und macht sich steif, als wolle er sich ums Verrecken nicht helfen lassen. Und wieder sind sie hilflos – als mehr oder weniger unfreiwillige Helfer in dieser Situation.
Man fragt sich auch: Inwieweit "freiwillig" sind Wladimir und Estragon in diese Warteschleife geraten? Hat ein Krieg sie da hin gespült? Oder ist es "nur" Obdachlosigkeit durch Armut? Vielleicht aber auch einfach "Überzeugung"? Antwort gibt es auch in dieser Inszenierung darauf nicht. Regisseur Pucher arbeitet mit stimmungsvollen schwarz-weißen Videoeinspielungen, die Didi und Gogo in einer Ruine zeigen - könnte durch Bomben zerstört sein, aber auch durch die Zeit. Da legt er sich nicht fest und lässt – erfreulicher Weise – Interpretations-spielraum. Wie es nahe liegt in diesem Stück... - in dem Godot nicht erscheint. Oder vielleicht doch, eventuell. So zumindest verkündet es mehrfach der Bote Godots, ein Junge, der zarte Hoffnung aufkeimen lässt: Vielleicht kommt er ja doch? Morgen... Didi und Gogo jedenfalls gehen nicht, sie reden nur davon. (ba)

18. März, 21., 30. April, jeweils 20 Uhr, Thalia Theater, Telefon 32 81 44 44
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