Hamburg: Das Tänzchen der Gescheiterten

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Stelldichein der Gescheiterten: In „Die Möwe“ überzeugen die Darsteller mit intensivem, schnörkellosen Spiel Foto: Krafft Angerer/wb

Anton Tschechows „Die Möwe“ im Thalia Theater ist unbedingt sehenswert

Hamburg. Große Schauspielkunst im Thalia-Theater: Ein exzellentes Ensemble glänzt trotz Regieturbulenzen in Anton Tschechows „Die Möwe“. Regisseur Leander Haußmann hatte erst vor vier Wochen übernommen, nachdem Yannis Houvardas ausgestiegen war.
Ganz in Weiß gekleidet ist „Die Möwe“, das unschuldige Mädel vom Lande (wunderbar naiv: Birgit Schnöink), das die große weite Künstlerwelt bewundert. Da will sie hin, aber nicht mit Konstantin (ganz junger Heißsporn: Sebastian Zimmler), dem jungen Dichter, der, ganz Sturm-und-Drang, die Welt der Eltern zertrümmert - mit ganz neuen Formen, nie Dagewesenem. Doch sein Stück fällt bei der ersten Darbietung hoffnungslos durch und stürzt den Autor in eine tiefe Sinnkrise. Unglücklich verliebt ist er auch, eben in Nina, die „Möwe“, die aber den über sein Künstlerdasein jammernden Schriftsteller Trigorin (wieder nur großartig: Jens Harzer) verehrt, der wiederum der Liebhaber von Konstantins egomanischer Mutter Irina Arkadina (brilliant: Barbara Nüsse) ist, einer gefeierten Schauspielerin, die ihrem Sohn ständig sein Mittelmaß vor Augen hält. Unglück allerorten. Niemand erreicht sein Ziel. Über die Kunst wird trefflich gestritten. Alle Personen lamentieren oder verzweifeln in trauter Runde auf dem Landgut von Arkadinas Bruder Sorin (grandios komisch: Karl-Heinz Sprenger). Klar und unerbittlich bringt Tschechow gescheiterte Lebensentwürfe auf die Bühne. Mit liebenswerter Schlichtheit spielen die großartigen Schauspieler die Rollen. Einfach, deutlich, intensiv. Schnörkellos dürfen sie auf einer fast leeren Bühne agieren. Nur ein paar Plastik-Gartenstühle vermitteln Provinz-Mief. Erst am Ende wird mehr Bühnenbild aufgefahren: Kerzenlicht schwebt über einer großen Tafel, an der sich die Landgutgäste wie zu einem Totenmahl versammeln. Jetzt entfaltet auch der große rote Vorhang, der vorher gebündelt wie ein Kaminschlot im Hintergrund hing, seinen ganzen Umfang - und umgibt so die Gescheiterten, die ihrem Unglück zum Trotz wenigstens ein Tänzchen wagen. Eine kleine weiße Möwe kreist über der Szene. Unbedingt sehenswert. (ch)
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