„Mein Kampf“

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Foto: Oliver Fanititsch

Schauspielerische Glanzpunkte am Ernst Deutsch Theater

Uhlenhorst. „Du denkst zu viel - hauptsächlich Blödsinn“, befindet der jüdische Wanderverkäufer Shlomo Herzl über seinen neuen Freund Adolf Hitler im Männerwohnheim in der Wiener Blutgasse, anno 1906. Dennoch nimmt sich der freundliche lebenserfahrene Jude des unreifen, verklemmten Provinzlers an, kämmt ihm die Haare, stutzt ihm seinen Schnauzer, versucht ihm Manieren beizubringen.
Von der Bekanntschaft des jungen Hitler mit dem jüdischen Lebenskünstler handelt George Taboris 1987 uraufgeführtes „Mein Kampf“, das derzeit im Ernst Deutsch Theater zu sehen ist.
Ein beachtliches Stück, weil ein jüdischer Autor, dessen Vater in Auschwitz umkam und dessen Mutter nur knapp diesem Schicksal entging, mit dem Grauen des Nationalsozialismus Schabernack treibt, den jungen Hitler als lächerliche Figur darstellt, über die man wirklich lachen muss. Und der in seiner Unbeholfenheit mitunter nicht unsympathisch wirkt. Tabori hat sein Stück „einen theologischen Schwank“ genannt, in dem es um die Liebe geht, die himmlische, die erotische und die sexuelle. Herzl liebt Hitler, der Gretchen begehrt, die Geliebte von Herzl.
Dabei kristallisiert sich langsam heraus, wer Hitler werden wird. Der Ungeliebte mit seinen rassistischen Vorurteilen redet schon ´mal ohne Punkt und Komma und liebäugelt mit der Weltherrschaft. Herzl serviert ihm dazu noch den Titel für Hitlers späteres fürchterliches Machwerk. Als Hitlers junger Mitstreiter Himmlischst genüsslich ein Huhn tranchiert und in der Pfanne bruzzeln lässt, nachdem wir zuvor ein lebendiges Geflügel erlebt hatten, ist die Anspielung auf künftiges Grauen schon nicht mehr zu übersehen, zumal es im Text auch noch unterstreichend heißt: „Wenn ihr beginnt, Vögel zu verbrennen, werdet ihr enden, Menschen zu verbrennen.“ Am Ende holt Frau Tod Hitler ab, aber nicht als Opfer, sondern als idealen Weggefährten.
Torsten Fischer nutzt in seiner Inszenierung viele Anspielungsmöglichkeiten auf den künftigen Hitler, lässt Hitler-Darsteller Tonio Arango schreien und wild gestikulieren und macht damit zu früh klar, was kommen wird. Schade, denn Arango weiß dem späteren „Führer“ viele Facetten abzugewinnen, überzeugt ´mal als verklemmter Provinzler, ´mal als besserwisserischer Vielredner mit Weltherrschaftsambitionen oder mit Verstopfung auf dem Topf. Taboris wunderbaren, ebenso schalkhaften wie deutlichen Text, aber setzen vor allem Peter Kremer als lebenskluger, resignativer Shlomo Herzl und Dimosthenis Papadopoulos in der Rolle des jüdischen Kochs Lobkowitz, der sich für Gott hält, gekonnt um. Das ist bester jüdischer Humor, souverän serviert mit Sinn für den feinen Wortwitz, der in ihm steckt. So bleibt ein fantastisches Stück mit schauspielerischen Glanzpunkten, dessen Inszenierung aber wegen zu vieler Anspielungen nicht den Schrecken erzeugen kann, der ihm innewohnt.

„Mein Kampf“ bis zum 1. Juli im Ernst Deutsch Theater, Friedrich Schütter Platz 1. (ch)
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