Slapstick und Radikalisierung

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Behringer (Konstantin Graudus) schätzt die schöne Daisy (Alicia Aumüller).Fotos: Oliver Fantitsch

Ionescos „Die Nashörner“ im Ernst-Deutsch-Theater

Uhlenhorst. Ein ungewöhnliches Getrampel verblüfft Behringer und seinen Freund Hans, der Behringer gerade wegen dessen ungeordneten Aussehens und der deutlich riechbaren Alkoholfahne zur Rede stellt. Die beiden Freunde erspähen Ungewöhnliches. Ein Nashorn rennt durch das kleine unbedeutende Kaff, in dem beide in einem Verlag arbeiten. Die Tiere mit dem spitzen Horn vermehren sich schnell, werden immer gefährlicher. In Eugène Ionescos Stück „Die Nashörner“ stehen sie als Synomym für die Anhänger und Vertreter eines totalitären Regimes. In Wolf-Dietrich Sprengers Inszenierung von Ionescos bekanntesten Werk aus den 1950er Jahren denkt im ersten Teil niemand etwas Böses. Es regieren Slapstick und platter Witz. Behringer erscheint als lächerlicher Trottel mit starkem Hang zum Alkohol, eine richtige Niete. Die Rettungsaktion der Feuerwehr, in dem die Verlagsangestellten über eine Leiter aus ihrem Büro geholt werden, weil Nashörner das Treppenhaus zerstört haben, walzt Sprenger zur unendlich langen Klamauknummer aus.
Dann ein totaler Bruch. Im zweiten Teil wird es bitterernst, kaum nachvollziehbar nach diesem Auftakt. Hans verwandelt sich langsam in ein Nashorn. Alle werden Nashörner, reihen sich ein in eine uniforme Bewegung mit totalitärem Charakter. Sprenger lässt die Verwandelten ganz in Schwarz mit weißen Einheitsmasken auftreten, eine immer bedrohlicher werdende Masse, die rechtsradikale Parolen skandiert. Das Bild ist deutlich, überdeutlich. Behringer bleibt der einzige, der sich nicht verwandelt. „Ich bin der letzte Mensch. Ich kapituliere nicht!“, ruft er und wird anders als bei Ionesco erschossen. Sprengers Inszenierung im gelungenen Bühnenebild von Achim Römer, einem mit Parolen beschmiertem durchsichtigen Plastikhalbrund, zerfällt in zwei unterschiedliche Hälften, die eine Slapstick-Komödie, die andere ein etwas stereotypes Radikalisierungsszenario. Noch bis 15. November im Ernst-Deutsch-Theater. (ch)
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