Alles auf Anfang - In Hamburg ohne Wohnung

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Foto MaxBryan.com
 
Torhaus am 21. April 2013
 
Zurück an den Hamburger Landungsbrücken
 
Die alten Wege - Hab´nichts verlernt...
"Vielleicht ist es Schicksal, vielleicht auch Bestimmung, dass alles so kam wie es passierte, dass nichts von alle dem gewollt war, dass ich zwar wollte, aber nicht konnte, im Angesicht meiner Feinde, die nur in mir selbst lebten" (Max Bryan, Juli 2010).

Drei Jahre zurück und man könnte meinen, nichts hat sich geändert, alles ist wie zu Beginn, als ich nach Hamburg kam und eine Wohnung suchte. Und doch ist vieles neu.

- Erlebnisbericht -

21. April 2013 - Torhaus - Kurz meiner Abreise

Ich blättere in der Zeitung. 1 Jahr lang wollte ich das schon tun. Sie lag gut verschlossen im alten Sekretär vom Torhaus und ich krame sie hervor und sie wirkt verstaubt, ist aber neu, denn kein Sonnenstrahl konnte ihre Haut etwas anhaben.

"Obdachloser radelt quer durch Deutschland und findet Wohnung", lese ich im Text unter der Überschrift und Kummer steigt mir in die Augen, weil ich sehe, was schon einmal war und was ich nie wieder wollte. Mein Leben auf der Straße, mein Schlafplatz an den Landungsbrücken, das alles geht auf Anfang und es ist unausweichlich.

Meine Abreise war eigentlich schon für 30.3. geplant und jeden Tag fragten die Leute mich, wann ich denn endlich fahre. Ich hatte es allen versprochen, mein Leben in Ordnung zu bringen, mit Einkommen und Versicherung zurück zu kehren, irgendwann, wenn ich soweit bin und keine Ahnung wie lange es dauert.

Plan war, in Hamburg Geld zu verdienen, für meine Bleibe auf dem Gartenhof und Hamburg ist die richtige Stadt dafür. Dort kenne ich die Wege, habe Struktur und weiß wo ich morgens hin gehe und Abends zurück kann. Das hat nicht jede Stadt und ich brauche diese Struktur, um tagsüber auch was arbeiten zu können, auch für Heinke und den Hof, denn Heinke hat Sorgen.

Zu viele Kosten und ich koste auch nur und ich verspreche ihr, dass wenn ich zurück komme, ich genügend Geld habe, um sie und den Hof zu entlasten. Dann kann ich endlich auch Miete zahlen und sie hat sogar noch Einnahmen durch mich und sie lacht, schmunzelt und sagt: "Ach lieber Bryan, das wird doch eh nix". Sie hatten so lange Zeit, ein ganzes Jahr und haben was gemacht?

Nun, ich könnte den Film aufzählen, die 12 Monate, die ich alles Leben auf dem Hof dokumentiert habe. Eine schönes Projekt und ich gab mein Bestes, verwendete all meine Kraft darauf, gute Bilder zu bekommen und dem Hof etwas zurück zu geben, damit auch Andere von der Schönheit dieses Ortes erfahren.

-> Shumei Natural Farm – Das Album (2012)
http://www.facebook.com/media/set/?set=a.509896522...

Und ich könnte von "Rocky" erzählen, eine schöne Aktion, die andere Menschen glücklich machte, aber auch weit weg vom Hof ist und kein großes Gewicht für das Empfinden vor Ort hat.

Habe ich mich zu oft um andere gekümmert? Was ist mit mir? Wann komme ich dran? Wo stehst du und wo willst du hin? Hast du einen Plan oder lässt du dich nur treiben? Was ist mit Mom, Deiner Familie, kommt die gar nicht darin vor?

Immer tue ich Dinge, die mich selbst nicht weiter bringen. Die mich nur kosten, Zeit, Energie und Lebenskraft. Und irgendwann kommt der Tag der Abrechnung, dann, wenn das Faß überläuft, wo nichts mehr geht, wo alles zusammenbricht und es war der April, der so sprach.

Abreise mit dem Zug am 21. April 2013

David hatte mich zum Bahnhof gebracht. Keine Abschiedsfreuden, wie beim letzten Mal, wo er noch begeistert hinterher winkte, im Wissen, dass ich wiederkomme, denn so klar war das dies mal nicht und viele Menschen auf dem Hof habe ich enttäuscht, weil ich einfach nicht fertig werde. Mein ganzes Leben lang komme ich schon zu spät und so auch dieses Mal.

"Wer nicht hören will, muss fühlen" (kenne ich ja schon!)

26. April 2013 - 5 Uhr Morgens

Kälte kriecht die Füße hinauf und über den Rücken und ich bin wütend, habe ich alles verlernt? Du weißt doch, dass der Schlafsack nass wird, wenn du hier oben liegst und du keine Tüte drüber machst, hast du daran nicht gedacht? Offenbar nicht, denn mein Schlafsack ist bis aufs Innenfutter durchgeweicht und wartet auf die rettende Sonne, die 3 Stunden später auch kam und den Tau verzehrte. So geht´s auch, denke ich mir, aber doch nicht jeden Tag, oder? Willst Du das jetzt jeden Tag wieder so machen? Unter freiem Himmel schlafen, hier oben auf Brücke 9?

Das Boot, wo ich zuletzt war, ist umgebaut, keine Liegeflächen mehr, jedenfalls nichts, was breiter als 40 cm ist und mindestens 50 cm sollten es schon sein, auf denen du liegst und auch die "Fischpfanne" wäre eine Option gewesen, aber auch dahin wollte ich nicht zurück.

Die Frau dort, mit der ich mich morgens (2010-2011) immer unterhalten hatte, sollte nicht wissen, dass ich zurück bin. Was hätte ich auch sagen sollen. Dass ich versagt habe? Ich eine Riesen-Chance hatte und diese dann vermasselt habe? Ist das die Antwort, die ich ihr geben will?

Sie würde in jedem Fall fragen, wo ich die letzten anderthalb Jahre war und keine weißen Schimmel warten vor ihrer Tür, um mich abzuholen. Kein Erfolg, von dem ich berichten könnte, der etwas Zählbares einbringt. Dann lieber nicht und ich suche mir was Neues, etwas mit Dach und im Trocknen.

11. Mai und in zwischen bin ich krank. Ein Infekt hat sich festgesetzt, schon seit 1. Mai und weder Zeit noch Geld ihn auszukurieren, denn schon ruft die Arbeit.

"Dungeon" sucht Statisten und bietet Freikarten, vielleicht kann ich die nachher verkaufen und etwas Geld machen. Im Containerhafen war auch noch was, da will ich auch noch hin und natürlich frage ich meine alten Kumpels hier, ob die noch was wissen, mal schauen.

Inzwischen stellt sich die profane Frage meiner Wege. Wo gehe ich morgens hin, auf Toilette und wo kann ich meinen Laptop benutzen, denn der ist der Schlüssel auch zu anderen Jobs, etwas dass nicht so leicht mit meiner Pathophobie kollidiert. Die schleppe ich nämlich immer noch mit mir rum. Mangels Krankenversicherung keine Behandlung und mangels Geld keine Krankenversicherung. So schließt das eine das andere aus.

15. Mai: Um mein Versprechen gegenüber Hof und Familie einzulösen, muss ich aber auch die größte Baustelle bearbeiten und das heißt Existenz sichern, langfristig, etwas wovon ich jeden Monat leben und Miete zahlen kann und ein Vertrag sollte die Rettung bringen, etwas, wofür ich bezahlt werde, aber das dauert, denn meine Freiheit (die künstlerische) ist nicht verkäuflich, "für niemanden!", schreibe ich der Firma, die Interesse hatte mit mir gemeinsam etwas zu machen und auch das dauert.

Am 16. Juni will ein Vertreter der Firma dann im Zuschauerraum sitzen und mit etwas Glück hat er auch einen Vertrag mit dabei, der mich aus der Armut befreit.

Fehlt nur noch der Film! Der Film über den Gartenhof! Ein Film von der Saat bis zur Ernte und auch der ist seit 6 Monaten überfällig und auch den hatte ich versprochen und Versprechen hält man. Also schneide ich einen Film, aber wo? Tagsüber in der Uni und nachts alles einschließen, im Schließfach? Ein Risiko, wenn aufgebrochen wird, ist alles weg und die Schlösser sind nur banal.

Etwas anderes muss her, ein Platz, wo ich tagsüber und möglichst auch nachts rein kann, die Technik nicht jeden Abend abbauen muss und so breche ich einen Schwur, denn ich wollte nicht , dass der Hauptpastor vom St. Michaelis davon erfährt, aber Tamo ist verreist, 6 Wochen in Jordanien und Thomas hat mit sich zu tun. Bleibt also nur St. Michaelis, der einzige Mann, der jetzt noch helfen kann, heißt Alexander Röder und so schreibe ich diesen Brief:

----- Original Mail vom 2. Juni 2013 ------

Hier bitte lesen:
https://www.facebook.com/notes/max-bryan/alles-auf...

Am Tag danach und exakt am 3.6. sah ich ihn dann in der Zeitung stehen. Den Hamburger Hauptpastor zusammen mit 50 Flüchtlingen aus Italien, die hier ein Heim suchen und Röder mitten drin, weshalb ich auch nicht zusätzlich noch anfragen wollte und so ging ich dahin zurück, wo ich ganz am Anfang schon war, zur Gemeinde St. Peter im Stadteil Großborstel.

Nach meiner Ankunft im März 2010 und nach ein paar kalten Nächten an der Roten Flora kam ich hier im Winternotprogramm unter, ein Container, 4x6 Meter, 3 Jahre ist das jetzt her und damals gab es noch keinen Blog und auch kein Facebook (für mich). Diese 7 Monate bis zu meiner Begegnung mit Klitschko im Hamburger Hafen, damals im Oktober 2010, sind im Internet nicht zu finden. Nur meine kleine Tagebuchkamera, hatte alles von Beginn an eingefangen, denn auch sie ist ein "Motor", eine Pflicht "B" zu sagen, wenn man zuvor schon "A" sagte und so wurde auch das Filmen zur Passion und ein Weg heraus aus der Schwäche.

Vor ein paar Tagen rief ich die Pastorin von der St. Peter-Gemeinde an und fragte sie, ob sie sich an mich erinnert und ja, sie hatte mich nicht vergessen, obwohl wir uns seit damals (2010) nicht mehr gesehen hatten und sie auch gar nicht nichts wusste, was zwischenzeitlich alles passiert ist. Sie ist eine der wenigen, die nicht in meinem Verteiler drin ist und so wusste sie auch nichts von einer Radtour in den Süden oder meiner Ankunft auf dem Gartenhof. Für sie war ich immer noch der singende Max, der (2010) zum Talentwettbewerb wollte und dort hoffte sein Glück zu finden.

Ich fragte sie dann, ob sie einen Raum hätte, wo ich einen Film schneiden kann, ein Projekt, dass ich gerne zu Ende bringen möchte, aber sie verneint. Das Gemeindehaus ist inzwischen verkauft, die Kirche hat nur noch den Hauptsaal und den kleinen Raum im Hinterzimmer zur Vorbereitung. Alles andere ist weg. Zwei Jahre in Folge schon kein Winternotprogramm mehr (auf dem Gelände dort). Der Platz ist anderweitig genutzt, die Kirche hat keinen Einfluss mehr.

Und was macht "Frankie?", frage ich (mein Container-Nachbar von damals) und sie hat keine guten Nachrichten, denn auch Frankie ist wieder "abgestürzt". Ein böser Rückfall, der Alkohol und wieder sind es die alten Wege, die alles bestimmen.

Jeden Morgen mit vollem Gepäck vom Schlafplatz in die Stadt. So was schlaucht und es zermürbt, es macht dich klein und zeigt wo du stehst - ganz unten.

Aufnahme Alter Elbtunnel, 4 Uhr Morgens.

Fotos hier:
https://www.facebook.com/notes/max-bryan/alles-auf...

Das ist in etwa auch die Zeit, wo der Wachmann dort die Landungsbrücken verlässt und liebevoll stellt er mir diese Sachen auf die Bank. Jeden Morgen, bevor er geht und auch er hat ein Herz für Arme.

Jeden Morgen dann in die Uni. Dort kann ich was arbeiten und neulich sprach mich ein junger Kerl an, er sähe mich jeden Abend als letzter hier das Haus verlassen und immer die Isomatte mit dabei und was ich hier mache, fragt er und ich antworte: "Ich bin hier aus dem selben Grund wie Du und nur mit dem Schlafen ist es momentan etwas schwierig", sage ich und wollte nicht näher ins Detail gehen. Denn wenn die Leute erst mal wissen, dass ich obdachlos bin, ist das meist auch der Anfang vom Ende, denn irgendjemand ist immer gegen dich.

Am Abend dann geht´s zurück an die Landungsbrücken. Auch das ist bald Geschichte und es sind jetzt nur noch ein paar Meter bis ich zurück kann an den Ort meines Herzens und bald habe ich es geschafft und manchmal denke ich mir, was ich doch eigentlich für Glück hatte.

Viele der Leute, die ich kenne, bekommen gar nicht erst die Chance beweisen zu können,
dass sie Willens sind, ihr Leben zu verändern, Regeln einzuhalten, Strukturen zu folgen.

Ich hatte diese Chance und es geht auch darum, sie zu halten, etwas daraus zu machen,
wenn nicht im 1. Anlauf, dann im zweiten, oder im dritten, egal wie oft ....

Höre nie auf Chancen zu vergeben, dann wird aus jedem noch etwas.

Max Bryan
Am 14. Juni 2013

https://www.facebook.com/pages/Max-Bryan/161102710...
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