Bilder erzählen vom Viertel

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Eines der bekanntesten Wandbilder von Kai Teschner – „der Kuss“ – war bis vor zwei Jahren in St. Georg zu sehen. Durch die Aufstockung der anliegenden Gebäude verschwand das Bild hinter neuen Mauern Foto: Grell
 
Kai Teschner hat sein Atelier im Stadtteil Billbrook in einem einfachen Loft über einer Autowerkstatt Foto: Grell

Kai Teschner verschönert mit seiner Kunst die Fassaden von Häusern

St. Georg „Wir sind die Lückenfüller für Bausünden“, sagt Künstler Kai Teschner scherzend, der viele triste Mauern der großen Siedlungen mit seinen Wandbildern verschönert hat. Doch geht es bei seinen Werken an den Mauern der Stadt natürlich um viel mehr als nur den optischen Effekt. Die Bilder des gebürtigen Münchners sind mal politisch, mal provokativ, mal harmonisierend, aber immer mit der Idee verbunden, eine Aussage zu hinterlassen, die genau in den Stadtteil und zu den Menschen passt, die dort leben. Eines der bekanntesten und größten Hamburger Wandbilder Kai Teschners befindet sich in der Lenzsiedlung in Eimsbüttel. Sein Atelier hat der bildende Künstler aber in Billbrook. Ganz bewusst hat er sich für diesen Stadtteil entschieden, weil er hier viel Raum zum Arbeiten in einem einfachen Loft im ersten Stock einer Autowerkstatt gefunden hat. Im hinteren Teil kann es da schon mal durchregnen, vorn heraus gibt es dafür den direkten Blick auf die Bille.
Kai Teschner möchte nicht seine eigenen Ansichten auf die Wand drängen, sondern die Bilder zusammen mit den Menschen entwickeln, die in den Häusern leben. „Aus den Entwürfen und Ideen der Anwohner und meinen eigenen künstlerischen Gedanken, entstehen dann die gemeinsamen Werke.“ Zu groß kann eine Wand für Kai Teschner eigentlich gar nicht sein. An das Malen auf Gerüsten in schwindelerregenden Höhen hat er sich längst gewöhnt, und was auf dem Papier dann einen Quadratzentimeter groß ist, misst auf der Wand eben einen ganzen Quadratmeter: „Das Malen ist einfach nur großflächiger.“ Die Arbeit an den Fassaden bespricht Kai Teschner, der auch schon in Afrika Wände bemalt hat, mit Stadtplanern, wenn es um öffentliche Räume geht. Abgelehnt hat Teschner dabei auch schon mal einen Auftrag: „Das war an der Rothenbaumchaussee, und die Anfrage war mir gleich unsympathisch.“
Früher sollten die Wandbilder des heute Anfang 50-Jährigen immer einen politischen Charakter haben, immerhin gehörte Teschner zur Szene der Hausbesetzter an der Hafenstraße und war politisch aktiv. „Mit der Zeit verändert man sich“, sagt Teschner lachend, der heute auch gern mit Kindern in benachteiligten Stadtteilen wie Billbrook arbeitet und die Wandbilder hauptsächlich für die Darstellung eines Stadtteils nutzt: „Die Menschen im Viertel sollen sich mit dem Gemälde identifizieren können.“ Manche Bilder des Künstlers sollen aber auch Hoffnung machen, wie die im Krankenhaus St. Georg, die voller Licht von der Wand herunter strahlen. „Wandbilder, die an Fassaden entstanden sind, verblassen mit den Jahren“, betont der Künstler, der in der Vergänglichkeit auch einen Prozess und die Chance für Neues sieht. Seine Werke haben dann vor allem dafür gesorgt, dass die düsteren Häuserschluchten der großen Siedlungen eine angenehmere Atmosphäre bekommen haben und die Bewohner ihr Leben dort darstellen konnten. Teschners Bilder erzählen Geschichten eines Viertels – solange bis die Farben vergehen oder eine neue Geschichte erzählt werden soll. (kg)
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