Der Rest vom Protest

Anzeige
Aktivist Ole-Simon (Mitte) und zwei Mitstreiter vor den Resten ihres Camps. Enttäuscht, aber entschlossen erklärt Ole-Simon: „Wir machen weiter!“Foto:Schlichtmann
 
Etliche Camp-Bewohner hatten am Wochenende schon gepackt, den Rest holte die Stadtreinigung Foto: Grell

Occupy-Camp in der City geräumt. 100 Kubikmeter Sperrmüll

Von Klaus Schlichtmann
City. Die zehn Männer der Stadtreinigung kamen morgens um 6 Uhr im Schutz der Dunkelheit und gut einem Dutzend Polizeibeamten: Das weltweit älteste Occupy-Camp auf dem Gertrudenkirchhof in der City ist am Montag früh weitgehend friedlich geräumt worden. Knapp 20 Aktivisten protestierten nach eigenen Angaben gegen die Abriss-Aktion - vier von ihnen wurden schließlich in Gewahrsam genommen, erhielten Platzverweise. Sechs Stunden nach Beginn der Räumung hatte die Stadtreinigung im Auftrag des Bezirksamtes Mitte zirka 100 Kubikmeter Sperrmüll wie Holzpaletten, Styropor-Matten und Plastikfolien mit sechs Lkw abtransportiert, mittags konnte die 350 Quadratmeter große Fläche mit der Flurstück-Nummer 1797 so gut wie besenrein übergeben werden. Damit endete nach über zwei Jahren die Protest-Aktion der Occupy-Bewegung im „öffentlichen Raum“ in der Hamburger Innenstadt. „Soziale Ungerechtigkeit, die Macht der Banken, der Einfluss der Wirtschaft auf die Politik“ - das waren einige der Kernthemen, die die Anhänger durch ihre Camps weltweit ins Bewusstsein der Bevölkerung vermitteln wollten - in Hamburg zunächst auf dem Gerhard-Hauptmann-Platz, nach dem Umzug der Zeltstadt seit 14 Monaten auf dem Gertrudenkirchhof, in Sichtweite der krisengeschüttelten HSH-Nordbank. Anfangs fanden die Aktivisten überwiegend Verständnis für ihr Anliegen, doch im Laufe der Zeit mehrten sich die kritischen Stimmen. Im Laufe der Zeit wuchs die Zahl derer, die sich gestört fühlten durch das Zeltlager im Herzen der Stadt - besonders die Anlieger (siehe weitere Texte auf dieser Seite). Zumal der Aktions-Charakter längst einer Form illegalen Wohnens gewichen war.
Der Unmut einiger Geschäftsleute wuchs mit der Ausdehnung des Lagers. Waren es anfangs einige wenige Zelte, entstand nach und nach ein Hüttencamp mit festen Holzbauten, zum Teil zweistöckig - die Idee des politischen Protest in der Öffentlichkeit geriet dabei immer mehr in den Hintergrund, wurde immer mehr zum öffentlichen Ärgernis.

Verständnis für Protest

Die zuständigen Behörden zeigten lange Zeit Verständnis für diese besondere Form des Protests. So bot das Bezirksamt Mitte den Aktivisten zuletzt eine Ersatzfläche für ihre Zelte an und auch Räumlichkeiten in der Innenstadt, doch die Fronten verhärteten sich trotz gegenseitiger Respektierung immer mehr. „Schließlich konnten wir die Zustände auf dem Gertrudenkirchhof so nicht mehr hinnehmen, vom Occupy-Camp ging eine Gefahr für die Betreiber, die Bewohner und auch für die Allgemeinheit aus“, erklärt eine Sprecherin des Bezirksamtes. So gab es keinen ausreichenden Brandschutz, keine Standsicherheit der errichteten Hütten, nur unzulängliche Hygiene-Einrichtungen. Eine Baugenehmigung gab es schon gar nicht. Mit Datum vom 3. Dezember ordnete das Fachamt Bauprüfung des Bezirksamtes Mitte schließlich die „Sofortige Vollziehung zur Räumung“ an, gewährte den Aktivisten aber eine Frist bis Ende Dezember. „Wir haben dann damit begonnen, unser Camp zu verkleinern und zurückzubauen“, erkärte Occupy-Aktivist Ole-Simon auf Nachfrage. Doch am Silvestertag stand immer noch der größte Teil der Bauten - noch einmal wurde die Frist bis zum 6. Januar verlängert. Dann kamen die Männer von der Stadtreinigung.
„Eine richtige, konsequente Entscheidung, aber zu spät“, kommentiert der CDU-Fraktionsvorsitzende in Hamburg-Mitte, Jörn Frommann das Durchgreifen auf dem Gertrudenkirchhof. Er stellt auch die Frage, wer nun für die Kosten der Räumung aufkomme.

Umsatz-Einbußen

„Das kam zu spät!“, klagt auch Massoud Rismanchi, der am ehemaligen Camp ein 600 Quadratmeter großes Möbel- und Teppichgeschäft betreibt. Er habe in den letzten 14 Monaten rund 380.000 Euro Umsatzeinbußen gehabt, bei 5.380 Euro Monatsmiete. „Eine Insolvenz kann ich wohl nicht mehr abwenden“, sagt er. Erleichtert reagierte City-Managerin Brigitte Engler auf die Occupy-Räumung: „Ich habe nichts gegen die Aktivisten, aber zuletzt haben sich immer mehr ansässige Geschäftsleute gestört gefühlt.“ Verwaltung und Occupysten wollen im Gespräch bleiben und nach möglichen Alternativen für den „Protest in der Öffentlichkeit“ suchen. (ks)
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige