Die Bürger an die Kunst heranführen

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Alfred Lichtwark im Jahr 1912 – gemalt von seinem Freund, Leopold Karl Walter Graf von KalckreuthRepro: Krause

Vor 100 Jahren starb Alfred Lichtwark, der erste Direktor der Hamburger Kunsthalle

Hamburg. „Ein Lot Anschauungsvermögen ist für das Leben mehr als ein Zentner Wissen!“ Alfred Lichtwark, der erste Direktor der Hamburger Kunsthalle, war zeitlebens ein leidenschaftlicher Kämpfer für das bewusste Erleben von Kunst. Am 13. Januar jährte sich sein Todestag zum 100. Mal.
1852 als Sohn des Müllers der Reitbrooker Mühle am Ufer der Dove-Elbe geboren, verlebte er, bis der Vater 1858 sein Vermögen verlor, sorgenfreie Jahre auf dem Lande. Über Allermöhe zog die Familie 1860 nach St. Pauli, wo eine Gastwirtschaft eher schlecht als recht den Unterhalt sicherte. Justus Brinckmann, erster Direktor des Museums für Kunst und Gewerbe, riet dem jungen Hilfslehrer zum Studium der Kunstgeschichte in Leipzig – bald wurde er Assistent am Berliner Kunstgewerbemuseum. Die bereits 1869 eröffnete Kunsthalle in Hamburg war seit ihrer Gründung von einem Sekretär der „Kommission für die Verwaltung der Kunsthalle“ verwaltet worden. Dass allein „verwalten“ den Zweck einer Kunsthalle nicht erfüllt, leuchtete selbst dem sparsamen Hamburger Senat ein.
So kam es zur Berufung Lichtwarks zum ersten Direktor. Als erste Tat schloss der neue Chef sein Haus für gut zwei Monate, um die Sammlung neu zu präsentieren. Bei der Wiedereröffnung am 9. Dezember 1886 hielt Lichtwark eine Rede mit der programmatischen Ankündigung: „Wir wollen nicht ein Museum, das dasteht und wartet, sondern ein Institut, das tätig in die künstlerische Erziehung unserer Bevölkerung eingreift!“ An diesem Anspruch will die Kunsthalle bis heute gemessen werden. Um das „Anschauungsvermögen“ zu entwickeln und zu schärfen bot Lichtwark regelmäßig Übungen in der Betrachtung von Kunstwerken für Lehrer an und entwickelte zahlreiche Aktivitäten, breite Bevölkerungsschichten an Kunst heranzuführen.
Er war Mitbegründer der Gesellschaft Hamburger Kunstfreunde und des Hamburger Amateur-Photographenvereins, der allein bis 1903 zehn viel beachtete Ausstellungen in der Kunsthalle veranstaltete. Mit seiner Ausstellung „Das Kind als Künstler“ richtete er 1898 erstmalig den Fokus auf die künstlerische Kreativität von Kindern – er gilt auch als Vater der heute fast selbstverständlichen museums-pädagogischen Angebote für junge Besucher. Noch ehe das Wort „Sponsoring“ erfunden wurde, begeisterte Alfred Lichtwark vermögende Hamburger in Kunst für ihre Vaterstadt zu investieren. Er kaufte mittelalterliche Werke mit Bezug auf Hamburg und gab der Sammlung von Phillipp Otto Runge und Caspar David Friedrich in Hamburg neues Gewicht.
Umgekehrt lud er bedeutende Künstler nach Hamburg ein, um hier über Monate zu arbeiten. Dass die Kunsthalle über bedeutende Werke von Monet, Manet oder Renoir verfügt, ist sein Verdienst. Alfred Lichtwark wollte mit dazu beitragen, dass Kunst nicht nur unter sachlichen Aspekten betrachtet wird, sondern „die Entwicklung der empfindenden und gestaltenden Kräfte anregt“.
Lichtwark starb am 13. Januar 1914 an Magenkrebs. Sein Grabmal auf dem Friedhof Ohlsdorf gestaltete Fritz Schumacher. (fjk)
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