Eck-Imbiss mit Zeitreise

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Küchenchef Frank macht alle Speisen selbst, auch das Hack für die Buletten Fotos: Grell

St. Georgs skurrile Läden: Futtern wie bei Muttern – mit einem Hauch Retro-Charme

Hamburg. Die Zeitreise beginnt gleich um die Ecke. Ein leicht windschiefes Zelt, wellige Plastikdecken mit Karodesign, Kunststoff-Krokusse in kleinen Blumenpötten, Salzstreuer mit orangefarbenen Schraubköpfen - da sind sie wieder, die 70er-Jahre. Auf der Speisekarte: Kartoffelsalat mit Buletten oder Rouladen mit Rotkohl und Kartoffeln. Zum „Treffpunkt Imbiss Bock“ in der stillen Schmilinskystraße kommt ein ganzer Stadtteil zum Futtern wie bei Muttern - vielleicht gerade weil die skurrile Idylle abseits der geschäftigen Langen Reihe diesen warmen Retro-Charme versprüht.
André Dassow und Frank Küster haben den engen Eckladen vor sechs Jahren übernommen. Vorher gingen hier schon eine Schinkenräucherei, mehrere Kioske und Dönerläden pleite. Sie blieben nie länger als ein paar Monate in dieser Gegend, in die sich wegen des Gewirrs aus verkehrsberuhigten Einbahnstraßen kaum ein Zufallskunde verirrt. Die beiden Betreiber scherzen über sich selbst als das „Ossi-Wessi Team“. Während André waschechter Hamburger mit dem entsprechenden Slang ist, kommt Bäcker Frank aus Wittstock an der Dosse. Als Ladenbesitzer hatten sie sich zuvor schon mit einer Kneipe in St. Georg versucht, bis sich die Gelegenheit bot, das jetzige Geschäft zu übernehmen,

Gute Zutaten

„Wir sind ein ehrlicher Imbiss“, lacht Wortführer André. Hier kann jeder Gast jeden Handschlag schon wegen der Enge exakt verfolgen. „Deutsche Küche“ ist die Devise – eine Insel im multikulturellen Bahnhofsviertel, dem Reich der türkischen Gemüsehändler und Dönerbuden. Die Leute im Viertel lieben ihren letzten Imbiss am Ort, wo in die Frikadellen noch aufgeweichte Brötchen kommen, damit die Fleischbällchen schön locker sind.

„Wir kaufen das Fleisch bei einem Freund und stellen das Hack selbst her.“ André Dassow

André weiß genau, was in seinen Rouladen und dem Kartoffelsalat enthalten ist, denn „wir kaufen das Fleisch bei einem Freund und stellen das Hack selbst her.“ Schwarten zum Beispiel seien da nicht drin.
Vor dem Imbiss stehen zwei Slush-Ice-Geräte mit Waldmeister und Waldfrucht, deren Inhaltsstoffe weit entfernt sind von dem, was nahrungsbewusste Bio-Mütter ihren Sprösslingen empfehlen würden. „Die Kids kommen heimlich in der Schulpause“, lacht André.
Sitzen könnte man in dem wenige Quadratmeter großen Imbiss kaum, wenn es nicht das geräumige Zelt vor der Tür geben würde. Eine feste Bebauung ist an dieser Stelle aus Sicherheitsgründen nicht zugelassen, das Zelt dafür genehmigt und urgemütlich. Im Winter mit einem Strahler aufgeheizt, kann man an 365 Tagen im Jahr immer bis 21 Uhr zum Bock Treff kommen und erfährt ganz nebenbei
auch die Neuigkeiten aus dem Stadtteil. Hier gibt es neben Pommes mit Currywurst für Nachbarn in Not auch schon mal eine Rolle Klopapier, und Pakete für die Anwohner werden wie selbstverständlich angenommen. Ihre gute Voraussetzung für die Zukunft? Küchenchef Frank: „Wir haben einfach so wahnsinnig viel Spaß an der Arbeit.“ (kg)
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