„Ein paar Stunden Normalität“

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Kinder unterschiedlicher Herkunft spielen gemeinsam, betreut von ehrenamtlichen Helferinnen wie Desirée Artiles Foto: Schmidt
 
Auch Jasbir Nizzer engagiert sich hier für die Flüchtlinge Foto: Schmidt

Flüchtlingskinder gewinnen in der „mobilen Kita“ am Hauptbahnhof ihr Lächeln zurück. Helfer dringen gesucht

St. Georg Ein Haus und eine Blume. Eigentlich ein Bild, wie es viele Kinder gern zeichnen. Doch der kleine Flüchtlingsjunge, der es malte, hat sein Zuhause vor Wochen verlassen. Hamburg ist für ihn und seine Eltern nur eine Zwischenstation, bevor es weitergeht nach Skandinavien. „Für die Kinder ist das Malen eine wichtige Ausdrucksmöglichkeit. Sie verarbeiten, was sie auf der Flucht erlebt haben“, erklärt Jasbir Nizzer. Die Pädagogin engagiert sich wie viele weitere Fachkräfte ehrenamtlich im neuen Kita-Zelt auf dem Hachmannplatz am Hamburger Hauptbahnhof. Hier können Flüchtlings-Kinder und Mütter montags bis sonntags von 10 bis 16 Uhr eine Weile abschalten und zur Ruhe kommen. Das kostenlose Angebot wurde vom Paritätischen Wohlfahrtsverband ins Leben gerufen. Mittlerweile arbeiten täglich vier ehrenamtlich Erzieherinnen und Erzieher in der „mobilen Kita“. „Diese Menschen sind Profis im Umgang mit Kindern und das ist die bestmögliche Versorgung die wir bieten können“, sagt Joachim Speicher, Geschäftsführer des Paritätischen Hamburg. Auch die Anwohner von St. Georg seien aufgeschlossen. „Viele Passanten suchen vor Ort das Gespräch mit den Ehrenamtlichen und begegnen ihnen sehr positiv“, so Speicher.

Verständigung ist kein Problem


Nicht selten füllt sich das rund zwölf Quadratmeter kleine, beheizte Zelt mit bis zu 80 Kindern pro Tag. „Aber Konflikte haben wir bisher kaum erlebt. Die Kinder kommen gut miteinander aus“, sagt Desirée Artiles-Hausmeier. Die Pädagogin arbeitet im Waldorf-Kindergarten Bergstedt und hilft regelmäßig im Kita-Zelt. „Hier haben die Flüchtlinge zumindest für ein paar Stunden Normalität“, sagt sie. Dann wird an kindgerechtem Mobiliar gemalt, gepuzzelt oder mit Bauklötzen gespielt. Die Ausstattung ist gut, es gibt sogar eine gemütliche Kuschelecke mit Kissen und einen Wickeltisch, damit die Mütter ihre Babys in einem sauberen Umfeld mit frischen Windeln versorgen können. „Das ist besser als die Babys im Hauptbahnhof zu wickeln“, sagt Martin Peters, Referent für Frühe Bildung, Betreuung und Erziehung beim Paritätischen Hamburg. Viele Frauen, so berichtet er, schliefen kurz nach ihrer Ankunft im Zelt im Sitzen ein, weil sie so erschöpft seien.
Die Kommunikation zwischen Helfern, Kindern und Eltern läuft viel über Mimik und Gestik ab. „Das genügt. Die Kinder sind hauptsächlich froh, dass sie Beschäftigung haben. Nach einer Weile tauen sie auf und dann lachen sie wieder und sind fröhlich. Das berührt mich immer sehr“, so Artiles-Hausmeier. Allerdings sei es für sie und ihre Kolleginnen nicht immer leicht, die Familien am Abend wieder wegzuschicken. „Das fällt mir immer sehr schwer“, sagt die 47-jährige Helferin sichtlich gerührt.
„Das Kita-Zelt ist keine Schlafunterkunft. Sonst könnten wir es nicht so sauber und ordentlich halten“, erklärt Trixi Schubert, Kita-Fachberaterin vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Dennoch hätten Flüchtlinge aus der Not heraus schon mal im Zelt übernachtet. „Kürzlich haben hier 30 Personen dicht gedrängt geschlafen“, berichtet Schubert. Sie hat die mobile Kita mit aufgebaut und eingerichtet. Jeden Morgen und Abend achtet sie darauf, dass das Zelt gründlich gereinigt und desinfiziert wird. Ihr größter Wunsch: Noch mehr freiwillige Helfer. „Das Ziel ist, dieses Zelt rund um die Uhr zu nutzen.“ Joachim Speicher vom Paritätischen sucht bereits nach einer Immobilie auf Dauer. (sos)
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