Ein Stadtgespräch – mit dem Alsterkapitän aus Hamburg

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Kapitän Jörg Ipsen aus der Hamburg-Ausgabe der neuen BuchreiheFoto: Paulsen/wb
 

Die Journalistin Nina Paulsen porträtiert in ihrem Buch 35 Menschen aus Hamburg. Einer davon: Jörg Ipsen

Hamburg. Was kommt heraus, wenn eine gebürtige Hamburgerin Menschen ihrer Heimatstadt porträtiert, die ganz unterschiedlich in ihren Quartieren wirken und viel zu Hamburg zu sagen haben? Ein neues, lesenswertes Buch: „Stadtgespräche aus Hamburg“ heißt der Band von Nina Paulsen, der als Hamburg-Ausgabe einer neuen bundesweiten Buch-Reihe am 12. März erscheint (siehe Kasten). Das Hamburger Wochenblatt druckt daraus einen Auszug vom Porträt des Alsterschiff-Kapitäns Jörg Ipsen:
(...) Wer auf der Suche nach dem viel beschworenen, kollektiven „Hamburg ist die schönste Stadt der Welt“- Gefühl ist, sollte sich auf den Weg zur Alster machen. Schmucke helle Gründerzeitbauten mit kupfergrünen Dächern säumen das Ufer des zu einem großen See aufgestauten Flusses in der Innenstadt, auf der Wasseroberfläche paddeln Dutzende Schwäne. Gekrönt wird die Szenerie durch die Alsterfontäne, die seit 1987 von Frühling bis Herbst das Wasser gute 60 Meter in den Hamburger Himmel schießt. Und dann sind da noch die Alsterdampfer: Weiße flache Schiffe mit rotem Kiel und rotem Dach, die ihren Anleger direkt am von Spaziergängern und Stadtgenießern bevölkerten Jungfernstieg haben. Vor allem Touristen, aber ab und an auch die Hamburger selbst drehen damit ihre Runden. Wenn man so will, sind die Alsterdampfer ein gelebtes Hamburg-Klischee – sie gehören zur Stadt wie die Schiffe an den Hafen und die Sex-Shops auf den Kiez.
Jörg Ipsen kann ein Lied von solchen Klischees singen. Er ist seit 1996 Kapitän auf einem der Alsterdampfer, und er sieht aus, wie ein Kapitän aussehen muss: rote Haare, Vollbart – dazu spricht er breiten Hamburger Akzent. (...)

Alsterkapitän und Schauspieler

„Kapitän sein ist im Grunde nur die eine Hälfte meines Jobs«, sagt er. „Die andere ist, ein Stück weit Schauspieler zu sein.“ Wie es der Zufall will, entspricht Ipsens Arbeit damit dem, was er sich als kleiner Junge erträumt hatte. „Ich wollte tatsächlich zur See fahren oder schauspielern. Jetzt mache ich einfach beides.“ Denn während seiner Touren gehört es zu seiner Aufgabe, den Gästen an Bord zu erklären, was sie draußen an sich vorbeiziehen sehen – und sie dabei zu unterhalten, damit es nicht langweilig wird.
„Mit den richtigen Sprüchen und Anekdoten geht das“, sagt er. Wie er das genau macht, mag er aber nicht verraten. „Um das zu erfahren, müssen die Leute schon mit mir mitfahren.“
Gewissermaßen liegt das Schippern dem 1970 in Altona gebore- nen Hamburger im Blut. Ipsens Großvater und Urgroßvater fuhren zur See, nur sein eigener Vater schlug in dieser Hinsicht aus der Art und konnte dem Reiz des Wassers eher wenig abgewinnen. „Bei mir war die Idee dagegen immer irgendwie da“, sagt der Junior. Und so kam es, dass Jörg Ipsen nach der Schule bei einer Reederei anheuerte und am 5. November 1985 im französischen Marseille an Bord der „Adeline“ stieg. Die erste Fahrt ging nach Spanien, nach Valencia. „Dort bin ich dermaßen seekrank geworden, dass ich am liebsten wieder ausgestiegen wäre“, sagt er. So kann es gehen. Doch Ipsen hielt durch und blieb – und verlor sein junges Herz an das Meer. „Es hört sich vielleicht etwas pathetisch an, aber es gibt da diesen Ausspruch des Reeders Albert Ballin: ‚Mein Feld ist die Welt.‘ Das konnte ich zu dieser Zeit sehr gut nachfühlen.“
Und Pathos ist ja auch überhaupt nicht schlimm. Vor allem nicht bei Ipsens heutigem Job. Mit Binnen- und Außenalster ist sein Revier zwar nur noch gute 180 Hektar groß und damit deutlich kleiner als die sieben Weltmeere – aber es ist sozusagen das flüssige Herz der Hansestadt und für die Hamburger und ihr Lebensgefühl identitätsstiftend. Ohne Alster wäre alles nichts.
(...) Schon der romantische Lyriker Friedrich von Hagedorn (1708–1754) wusste in seinem berühmten und viel zitierten Gedicht „Die Alster“: „Befördrer vieler Lustbarkeiten, Du angenehmer Alsterfluß! Du mehrest Hamburgs Seltenheiten Und ihren fröhlichen Genuß.“ In die gleiche Kategorie fallen auch die Alsterdampfer, die allein der Freude am Schippern gewidmet sind und nicht dem schnöden Transport. Besonders beliebt sind seit langer Zeit die sogenannten ›Dämmer-Törns‹, bei denen die Kapitäne die Schiffe bei Sonnenuntergang durch Hamburgs Kanäle fahren.

Schöne Tour für Verliebte

»Vor allem für Verliebte ist das eine schöne Tour«, sagt Ipsen. Die Schiffe, die er über das Wasser steuert, heißen „Seebek“, „Susebek“ oder „Ammersbek“, benannt nach Nebenarmen der Alster und kleinen Bächen in der Stadt. Vor allem Erstere haben es Ipsen angetan und sein Gefühl verrät ihm, dass es vielen Hamburgern genauso geht. „Es gibt richtig kleine, enge, zugewachsene Kanäle“, erzählt er. „Da fährt man rein und auf einmal ist es ganz still. Die Leute vergessen da, dass sie in einer Großstadt sind.“ (...)


„Stadtgespräche aus
Hamburg“ ist ein unterhaltsames, informatives Kaleidoskop mit 35 spannenden Porträts vom Alsterkapitän bis zum Micheltürmer, vom Abendblatt-Chefredakteur bis zum Planetariums-Macher. Das Buch von Journalistin Nina Paulsen (30) aus Hamburg-Rahlstedt, die bei der Berliner Morgenpost arbeitet, erscheint im Gmeiner Verlag (192 Seiten, 14.99 Euro). Am Mittwoch, 12. März, ab 20 Uhr liest Schauspielerin Katharina Pütter (Ernst-Deutsch-Theater) aus den Stadtgesprächen, im Türmerboden der Hauptkirche St. Michaelis (Einlass ab 19 Uhr, Eintritt 12 Euro). (wb)
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