Gatte generiert Gehstörungen

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Sylvia Gellburg (Isabella Vértes-Schütter) kann nicht mehr gehen, obwohl sie kerngesund istFoto: Oliver Fantitsch

Arthur Millers Ehedrama „Scherben“ im Ernst-Deutsch-Theater

Uhlenhorst. Einer jungen Frau versagen plötzlich die Beine. Sie kann nicht mehr gehen, obwohl sie organisch kerngesund ist. Von einem Fall der Konversionsstörung, die einen physischen Defekt ohne organische Ursache beschreibt, handelt Arthur Millers Stück „Scherben“, das jetzt im Ernst Deutsch Theater Premiere hatte.
1938 in den USA: Sylvia Gellburg kann nicht mehr laufen. Ihr Arzt, Dr. Hyman, vermutet psychische Gründe und versucht im Gespräch mit ihrem Ehemann Philip, die Nummer Zwei eines großen Immobilienkonzerns, und ihrer Schwester Harriet mögliche Ursachen für den plötzlichen Defekt in Sylvias persönlichem Umfeld zu finden. In dem spannenden Dialogstück kristallisiert sich der erfolgreiche Philip immer deutlicher als Verursacher für Sylvias Gehstörung heraus. Der Ehemann, der seine Frau anbetet, fühlt sich als Herr im Hause. Sylvia hat sich ihm untergeordnet, auf eigene berufliche Ambitionen verzichtet. Philip hat außerdem ein Problem mit seiner jüdischen Herkunft. Er ist stolz darauf, mit diesem Hintergrund in der Immobilienbranche so weit gekommen zu sein und ebenso stolz auf seinen Sohn, der sich anschickt, in der US Army eine für einen Juden bislang einmalige Karriere zu machen. Andererseits verachtet er die deutschen Juden, die in seinen Augen in ihrem Land zu mächtig auftreten und sich die heraufziehenden Erniedrigungen durch die Nationalsozialisten selbst zuzuschreiben hätten. Sylvia leidet darunter, kann ihren Mann nicht verstehen, ist entsetzt über Fotos von alten Juden, die in Österreich den Bürgersteig mit der Zahnbürste schrubben müssen. Minutiös dröselt Hyman die Ehegeschichte der Gellburgs auf, zieht sich dabei Philips Zorn zu, kann aber Sylvia nicht helfen. Doch plötzlich bricht Philip berufsbedingt zusammen...
Yves Jansen hat Millers packende Ehetragödie ordentlich mit weitgehend überzeugenden Schauspielern inszeniert, unter denen Intendantin Isabella Vértes-Schütter als Sylvia herausragt. (ch)

„Scherben“ ist bis zum 9. November im Ernst Deutsche Theater, Friedrich-Schütter-Platz 1, zu sehen. Karten unter Tel.: 22 70 14 20
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