Hamburg: Als Lehrling von Spanien nach St. Georg

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Der spanische Auszubildende Javier Carboneras (23, r.) mit seinem Küchenchef Ramon TuchenFotos: Schlichtmann
 
„Junges Hotel“ in der Kurt-Schumacher-Allee in St. Georg

Vor vier Monaten kam Javier Carboneras nach Hamburg, um endlich Arbeit zu finden. Eine Bilanz

Von Klaus Schlichtmann
Hamburg. Javier (23) fühlt sich gerade sehr gut. Die Arbeit gefällt ihm. Er hat eine Wohnung gefunden, die er sich mit zwei anderen „Zugereisten“ teilt. Und auch die neue Stadt mag er, in der er seit Anfang August lebt - rund 2.300 Kilometer von seiner Heimat entfernt.
Javier Carboneras aus der 200.000 Einwohner-Stadt Albacete ist einer von 15 Spaniern und zwei Portugiesen, die in Hamburg endlich einen Ausbildungsplatz bekommen haben, nachdem sie in ihren Heimatländern oft über Jahre arbeitslos waren. Und es sind nicht nur die Lehrstellen zum Hotelfachmann/-frau bzw. Koch/Köchin - es ist ein Neustart fürs Leben in der Fremde, die aber mit jedem Tag vertrauter wird. „Die Mama hat natürlich geweint, als ich fortging“,  sagt Javier, und etwas Wehmut liegt in seiner Stimme.  Wir treffen den angehenden Hotelfachmann im „Jungen Hotel“ an der Kurt-Schumacher-Allee in St. Georg, einem der elf Hamburger Hotels, das an dem Projekt der Grone-Schule und der Arbeitsverwaltung der autonomen spanischen Regierung von Castilla-La Mancha teilnimmt. Wo es geht, ist Javier bemüht, deutsch zu sprechen - und für jemanden, der erst seit vier Monaten im Land ist, spricht er es bereits bemerkswert gut. Javier lernt gerne. Und oft: Sechs Wochenstunden in der Schule, außerdem zu Hause und in der U-Bahn. Manchmal hat Javier Heimweh nach seiner Familie, seinen Freunden. Aber er weiß auch um die Chance, die er hier in Hamburg erhalten hat.

Javier Caboneras ist sehr motiviert und hat sich in kurzer Zeit hervorragend in unser Team eingefügt!“ Götz Diederichs, Direktor „Junges Hotel“

Das hat auch sein Chef registriert, Götz Diederichs, der Direktor des „Jungen Hotel“ und lobt: „Javier Caboneras ist sehr motiviert und hat sich in kurzer Zeit hervorragend in unser Team eingefügt.“ Bevor Javier nach Hamburg kam, hat er nach dem Abitur für ein Jahr eine Schule für Maschinenbau besucht, danach aber nur noch in Supermärkten gejobbt oder seiner Mutter Aurora in ihrem kleinen Restaurant geholfen. Dann machte ihn sein Arbeitsamt auf das Grone-Projekt aufmerksam. Schließlich wurde er nach einigen Tests und Gesprächen zusammen mit 25 weiteren Bewerbern (von 250) für die „Mission Deutschland“ ausgewählt. Es folgte ein dreiwöchiger Deutsch-Kursus in Spanien, anschließend ein 16-tägiges Praktikum in „Junges Hotel“ in Hamburg, an dessen Ende scbließlich der begehrte Ausbidungs-Vertrag stand. Am Anfang war es für Javier natürlich nicht leicht. Die fremde Sprache, die unbekannte Stadt, dazu die für ihn alltäglichen Herausforderungen wie Bankkonto einrichten, Monatskarte kaufen, Krankenversicherung, Mietvertrag - unüberschaubar zunächst das alles. Doch dafür hat Grone den spanischen und portugisischen Azubis sogenannte „Kümmerer“ an die Seite gestellt. Im Fall von Javier ist dies Sara-Ana Coco, eine junge Frau mit südamerikanischen Wurzeln und bei Grone Assistent Manager. Sie hat ihren „Paten-Azubi“ Javier in den ersten Wochen nicht nur einmal an die Hand genommen, um die bürokratischen Alltagsdinge gemeinsam mit ihm zu regeln. 610 Euro verdient Javier jetzt im ersten Lehrjahr. Große Sprünge kann er davon noch nicht machen, denn 190 Euro anteilige Miete gehen bereits für die Dreizimmer- Wohnung in Mümmelmannsberg drauf, die er scih mit zwei spanischen Kollegen teilt. Hier hält er sich gerne auf, am liebsten in der Küche, denn Javier kocht gerne, auch für seine WG-Mitbewohner. „Am liebsten Gerichte aus der Heimat“, lacht Javier, „Callos a la Madridena“ zum Beispiel oder“Guiso de Cerdo“, also Gemüsesuppen mit Rind- bzw. Schweinefleisch. Frikadellen kann er aber auch schon ...

Frikadellen kann er schon

Das gerade jetzt oft ungemütliche Wetter in Hamburg macht ihm nichts aus, obwohl er doch in eine neue Jacke investiert hat: „Bei uns zu Hause wird es im Winter manchmal auch recht kalt und feucht.“ Überrascht hat ihn, dass die Deutschen doch nicht so stur sind, wie er bisher glaubte. Und dass sie auch lachen können. Seine Mutter Aurora war im September für ein paar Tage in Hamburg, sie hatte Sehnsucht nach ihrem Sohn, wollte auch ‚mal nach dem Rechten sehen. „Da waren wir viel in der Stadt unterwegs“, sagt Javier, „an der Elbe, im Stadtpark, auf dem Turm der Nikolaikirche.“ Auf der Reeperbahn war Javier auch schon, aber ohne „Mama“. Und ins St. Pauli-Stadion, da möchte er irgendwann mit seinem jüngeren Bruder Adrian (20) wieder hin, denn der verdient sein Geld als Fußballspieler in der 3. spanischen Liga. Wenn Javier Carboneras seine Ausbildung abgeschlossen hat, möchte er gerne in Hamburg bleiben.
Wenn Javier Carboneras seine Ausbildung abgeschlossen hat, möchte er gerne in Hamburg bleiben. Und am liebsten weiter in „Junges Hotel“ arbeiten, aber das ist noch lange hin. Jetzt freut sich Javier erst einmal auf Weihnachten, denn dann fliegt er nach Hause, das Ticket hat er schon. Er freut sich schon auf seine Familie, seine Freunde. Obwohl - in Hamburg wird seine neue Freundin dann auch auf ihn warten.
Oliver Kohrs ist Geschäftsführer des Grone-Bildungszentrums für Qualifizierung und Integration. Er ist mehr als zufrieden mit dem bisherigen Projekt-Verlauf, auch wenn drei Lehrlinge ihre Ausbildung vorzeitig abgebrochen hätten - das Heimweh war stärker. „Das entspreche auch unter deutschen Azubis einer normalen Quote“, erklärt Kohrs. Fürs kommende Jahr haben er und alle Beteiligten große Plane - dann will man 40 jungen Spaniern und Portugiesen die Chance auf einen Neustart in Hamburg geben. (ks)
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