Hamburg: Falsche Versprechungen

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Vor dem Büro von „Euro-Training“ am Heidenkampsweg: Dozentin Ivonne G. (50), Ex-Schulungsleiterin Sarina K. (30) und Seminar-Teilnehmerin Sandra R. (31) fielen auf eine Anzeige (kl. Foto) rein Foto: Anders
 
Firmenchefin Ariane St. (38) hat mittlerweile das Gewerbe gewechselt. Statt Ausbildung in Hamburg möchte sie jetzt Spielhallen in Flensburg betreiben Fotos/Repros: Anders
 
Mit einem solchen Schreiben wurde den Kursusteilnehmern eine Einstellungs-Zusage nach erfolgter Ausbildung versprochen

Verdacht: Firma zockte mit Bildungsgutscheinen ab

Von Klaas Anders
Hamburg. „Dreiste Abzocke“ ist noch eine der harmloseren Vorwürfe gegen eine Hamburger Bildungseinrichtung für die Qualifizierung von Arbeitslosen. Andere werden da schon deutlicher und reden von Betrug mit hoher krimineller Energie.
„Das ist schon skrupellos, wie diese Leute arbeitslose Menschen mit Vorsatz ins offene Messer laufen lassen!“, sagt ein Betroffener wütend. „Diese Leute“ - das sind die beiden Firmen „Euro-Training“ am Heidenkampsweg in Hammerbrook und „Hansa-Sicherheitsdienstleistung GmbH“ in der City - mit der feinen Adresse Neuer Wall.
Diese Firma besteht dort aber nur aus einem Briefkasten. Inhaberin und Geschäftsführerin beider Unternehmen ist eine Dame namens Ariane St. (38), blond und offenkundig sehr geschäftstüchtig. Gegen ihre Firma „Euro-Training“ liegen mittlerweile einige Anzeigen bei der Polizei vor, auch bei der Staatsanwaltschaft Hamburg gibt es inzwischen eine Strafanzeige wegen Insolvenzverschleppung.
Am Anfang dieser offenbar unseriösen Machenschaften mit Menschen, die sich Hoffnung auf einen neuen Arbeitsplatz machten, standen Kleinanzeigen in Hamburger Zeitungen mit folgenden Versprechungen: „Luftsicherheitskontrollkraft m/w für Frachtkontrollen, u. a. für Flughäfen in Vollzeit bis 16 Euro/Stunde mit Arbeitsplatz- garantie. Infos unter Tel. 23 ...“ „Mit solchen Anzeigen wurden die Jobsuchenden geködert“, erklärt Sarina K. (30), die bis vor gut zwei Wochen Schulungsleiterin bei „Euro-Training“ war. 
Die Masche: „Arbeitslose wurden zu Info-Veranstaltungen eingeladen, bei denen das Blaue vom Himmel gelogen und wider besseres Wissen leere Versprechungen gemacht wurden, sagt Sarina K.. Am Ende dieser Info-Vormittage gab es für die Teilnehmer - soweit gewisse Voraussetzungen erfüllt waren - einen Ausbildungsvertrag mit der Firma „Euro-Training“ sowie eine Ein- stellungszusage der Firma „Hansa-Sicherheitsdienstleistung“. Damit solle man zum zuständigen Jobcenter gehen, um einen sogenannten Ausbildungsgutschein zu beantragen - ein Gutschein, mit dem sich die Agentur für Arbeit verpflichtet, die Kosten für die 13-wöchige Ausbildung zur „Sicherheitsfachkraft Luftsicherheit“ zu übernehmen.
Das machte auch Sandra R. (31) aus Bramfeld, gelernte Einzel-handels-Kauffrau und seit zwei Jahren ohne Arbeit. „Ein Job am Flughafen, mit Arbeitsplatzgarantie und anständiger Bezahlung - das wollte ich mir doch nicht entgehen lassen“, sagt die ehemalige Filialleiterin eines Supermarktes. Und sie bekam diesen Ausbildungsgutschein für den Bildungsträger in Hammerbrook.

„Kein Bedarf mehr für diesen Beruf“

Der Schein hatte einen Wert von 6.675,60 Euro für 520 Unterrichtsstunden - und die Firma „Euro-Training“ wollte diesen Schein und somit viel Geld so schnell wie möglich haben. Rund 70 weitere Scheine für die Ausbildung zur „Luftsicherheitskontrollkraft“ wurden bis Ende Januar alleine durch diverse Jobcenter ausgegeben, dazu kamen aus dem vergangenen Jahr noch einmal 30, die direkt durch die Agentur für Arbeit bewilligt wurden. „Wir haben aber bereits im Herbst die Reißleine gezogen und keine weiteren Scheine mehr ausgegeben“, erkärt Knut Böhrnsen, Sprecher der Arbeitsagentur.
Begründung, so Böhrnsen: „Unsere Recherchen hatten ergeben, dass für diesen Beruf kein Bedarf mehr vorhanden war.“
Ohne Kenntnis davon begann Sandra R. am 20. Januar mit ihrer Ausbildung, in die sie so viel Hoffnung steckte und die bis zum 18. April dauern sollte. „Die ersten zwei Wochen liefen planmäßig“, erklärt die junge Frau.
Doch dann fehlten immer häufiger immer mehr Dozenten. „Zunächst versuchte man zu improvisieren, übertrug einem Dozenten die Aufgaben, die sich sonst zwei oder drei teilen.“ Schließlich häuften sich die Tage, an denen die Kursteilnehmer vergebens auf einen ihrer Lehrer warteten oder gleich wieder nach Hause fuhren.

Dozenten schleppend oder nicht bezahlt

Der Grund: die Dozenten wurden nur noch schleppend oder gar nicht mehr bezahlt. Sie weigerten sich schließlich, unter diesen Bedingungen weiter zu arbeiten. Wie Ivonne G. (50), die seit dem vergangenen Herbst auf Honorarbasis (25 bis 35 Euro die Stunde) bei „Euro-Training“ beschäftigt war. Sie hat die Firma mittlerweile ebenfalls angezeigt und fordert gut 4.000 Euro ausstehende Honorare.

Geschäftsmodell ohne Auftraggeber

„Euro-Training“ hat Luftsicherheitskräfte ausgebildet, obwohl es dafür keine Auftraggeber gab“, bestätigt Schulungsleiterin Sarina K. Das „Geschäftsmodell“ oder besser der Trick, um trotzdem an die wertvollen Ausbildungsgutscheine zu kommen: Die Scheinfirma „Hansa Sicherheitsdienstleistungen“ - auch in der Hand von „Euro-Training“-Chefin Ariane St. - trat selbst als Unternehmen auf, das die Kursteilnehmer nach bestandener Prüfung angeblich in ein unbefristetes Arbeitsverhältnis übernehmen wollte - und erstellte entsprechende „Einstellungs-Zusagen“, um die Berater in den Jobcentern zu täuschen. Eine lukrative Einnahmequelle, wie man sich bei rund 100 Gutscheinen a 6.500 bis 7.000 Euro leicht ausrechnen kann. Schulungsleiterin Sarina K. erhielt zum 15. März ihre Kündigung, „weil ich diesen Betrug angeprangert habe und nicht mehr länger decken wollte.“

Firma im Handelsregister gelöscht

Die Agentur für Arbeit kündigt inzwischen strafrechtliche Schritte gegen „Euro-Training“ an und hofft, zumindest einen Teil des Geldes zurückholen zu können.  Beim Handelsregister Hamburg liegt übrigens für „Euro-Training“ seit dem 4. März ein Löschungsvermerk vor - so lange hat man Adriana St. auch schon nicht mehr in der Stadt gesehen. Das mag auch mit ihrem neuen Betätigungs- feld zu tun haben, denn bereits am 5. März hat sie sich in das Handelsregister von Flensburg eintragen lassen. Gegenstand ihrer aktuellen Firma dieses Mal:  das Betreiben von Spielhallen. Und Sandra R., die nach langer Arbeitslosigkeit auf einen guten Job auf dem Flughafen gehofft hatte?  „Ich bekomme wohl eine weitere Chance durch das Jobcenter - diesmal als Reiseverkehrskauffrau. Die werden wirklich gesucht.“ (ka)
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