Hilfe für Jesiden im Irak

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Zeki Duman lebt in St. Georg. Der 32-Jährige sammelt Spenden für ein Flüchtlingsdorf in der Türkei Foto: mt
 
Unter den 82 Flüchtlingen sind auch viele Senioren

Zeki Duman aus St. Georg sammelt Spenden für ein Flüchtlingscamp

Von Marco Thielcke
Hamburg. 4160 Kilometer liegen zwischen Hamburg und Ibrahim Khalil, einem Grenzübergang an der türkisch-irakischen Grenze. Täglich strömen dort Hunderte Flüchtlinge über die Grenze in den sicheren Norden. Hinter ihnen liegt oft eine tagelange Flucht vor den Kämpfern der Terrorgruppe „Islamischer Staat“ (IS). Seit der Eroberung der irakischen Großstadt Mossul Anfang Juni stoßen die Islamisten auch immer weiter in den kurdischen Norden des Landes vor, mit dem Ziel ein Kalifat, einen islamischen Gottesstaat, zu errichten. 4160 Kilometer können da eine Ewigkeit weit weg sein, Zeki Duman ist sehr weit weg. Der 32-jährige Hamburger aus St. Georg ist Kurde und als Jeside Teil jener Religionsgruppe, auf die die Dschihadisten im Irak und Syrien seit Wochen Jagd machen. Für Zeki schmelzen die Entfernung und die Fernsehbilder zusammen auf reale Erinnerungen aus seiner Kindheit. Auch er entging mit seiner Familie im Alter von sechs Jahren nur knapp der Verfolgung durch die Flucht aus der Türkei nach Deutschland. Das Dorf, in dem er geboren wurde, ist nur 220 Kilometer, nur wenige Autostunden, von dem Krisengebiet entfernt.

Dorf wird zum Flüchtlingslager

Schon nach den ersten Schreckensnachrichten im Juni versammelte sich der Duman-Clan – Zekis in Deutschland lebende Großfamilie mit rund 250 Angehörigen – in Oldenburg, um schnelle Hilfsmaßnahmen für ihr Volk anzustoßen. Jedes Familienmitglied gibt, was es kann. 35.000 Euro kommen zusammen, um Dusah, das türkische Dorf, aus dem sie vor 27 Jahren flüchten mussten, in ein Flüchtlingslager umzufunktionieren: Fenster werden in längst verlassene Häuser eingesetzt, ein alter Lehmofen wird wieder entfacht, um die Vertriebenen mit Pide zu versorgen, einem traditionellen kurdischen Brot. Und Onkel Sehit Duman errichtet einen zwölf Meter hohen Funkmast, um das Dorf an das Internet anzuschließen.
„Bisher ging es um Hilfe zur Selbsthilfe“, sagt Duman. Sein Onkel holt die Flüchtlinge an der irakisch/türkischen Grenze ab und fährt rund vier Stunden nach Dusah.
Auf dem 300 Hektar großen Land der Familie Duman können sich die 82 Flüchtlinge, darunter viele Kinder, weitgehend selbst versorgen. „Es mangelt aber trotzdem an Kleidung, Zelten und Spielzeug für die vielen Kinder“, sagt Zeki Duman, der mit seinen Familienangehörigen in dem türkischen Dorf in engem Kontakt steht.
Gerade bereiten sich die Helfer auf die große Flüchtlingswelle aus dem Sindschar-Gebirge vor. Dort waren Tausende Vertriebene tagelang von den Islamisten eingeschlossen. Die US-Luftwaffe flog Rettungseinsätze, um die Flüchtlinge mit dem Nötigsten zu versorgen.
„Wir wollen nochmal soviel Flüchtlinge aufnehmen, brauchen aber noch Zelte, die auch den Winter überstehen“, sagt Zeki. Dafür sammelt der Duman-Clan weiter Spenden und auch Zeki wirbt unermüdlich unter seinen Kollegen und Freunden um Hilfe. Als Barchef im Schmidts Tivoli, dem bekannten Musical-Theater auf der Reeperbahn, steht er jede Nacht auf dem Kiez. Die schrille, bunte Welt aus leuchtenden Reklamen und feiernden Menschen wirkt auf ihn oft nur noch wie eine Kulisse. Zu nah und real sind die eigenen Erinnerungen und die Bilder aus dem TV. Im Oktober will Zeki für ein paar Tage in das mehr als 4000 Kilometer entfernte Dusah fahren. Von den Spenden, die er bis dahin gesammelt hat, will er dann Hilfsgüter kaufen.
In der vergangenen Woche hat auch die Hamburger Bürgerschaft die Verbrechen der Terrorgruppe IS verurteilt und Hamburger Firmen und Bürger dazu aufgerufen Hilfsorganisationen mit Spenden zu unterstützen. Nach UN-Angaben sind im Nordirak mehr als 1.200.000 Menschen auf der Flucht vor den Dschihadisten. In den Gebieten die, die Terroristen kontrollieren, stellen sie die Bevölkerung vor die Wahl: zu konvertieren oder zu fliehen. Amnesty International sprach am Montag von einer „systematischen ethnischen Säuberung“.

Jesiden:
Die meisten der rund 800.000 Jesiden leben im Nordirak. Zum Siedlungsgebiet gehören aber auch Nordsyrien und die südöstliche Türkei. Die größte jesidische Gemeinde in Europa lebt mit rund 60.000 Menschen in Deutschland. Jeside wird man durch Geburt, dabei müssen beide Elternteile jesidischer Abstammung sein. Von islamischen Extremisten werden Jesiden oft als Teufelsanbeter verunglimpft, weil sie die Sonne und das Feuer als reinigende Kraft anbeten. (mt)



Spendenkonto:
Spenden an das Spendenkonto des Zentralrats der Jesiden in Deutschland:

Empfänger:
Yezidisches Forum e. V.
Volksbank Oldenburg
BIC: GENODEF1EDE
IBAN: DE10280618223670270602
Stichwort: Shingal
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