Soko Fahrrad sucht Besitzer

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Kriminalhauptkommissar Frank Fürst vor einem besonderen Einzelstück: ein Selbstbau-Tandem Foto: to
 
Blick in eine der Hallen in Niendorf: Gestohlene Fahrräder bis zum Horizont – darunter ein Großteil sogenannter Schrotträder, die niemandem mehr zuzuordnen sind Foto: to

Nach Razzia: Etwa 1.500 Fahrräder hat die Hamburger Polizei eingelagert

Von Thomas Oldach
Hamburg
Wer in die zwei Hallen in Niendorf blicken darf, schlägt nicht nur innerlich die Hände über dem Kopf zusammen. Denn was die Fahrraddiebe in Hamburg alles „abräumen“, sprengt nahezu jede Vorstellungskraft: Vom Laufrad für Kleinkinder, über teure Citybikes und Rennräder bis hin zum größten Schrott, der wohl schon seit Jahren an den Straßen stand – nichts haben die Täter stehen lassen (das Wochenblatt berichtete).

Öffentliche Führungen geplant

Doch der Blick auf eine Gesamtfläche von rund 5.000 Quadratmetern zeigt auch, welche große Dimension der kürzlich in Rothenburgsort aufgedeckte Fahrrad-Hehlerring tatsächlich hatte. Etwa 1.500 Fahrräder hat die Hamburger Polizei dort eingelagert. Die einzelnen Räder werden nun von den Beamten katalogisiert und es wird versucht, sie konkreten Diebstahlsanzeigen zuzuordnen. Das hat bislang in mehr als 100 Fällen geklappt – die Eigentümer wurden bereits informiert.
Ab dem Zeitpunkt, zu dem alle Räder genau erfasst sind, will die Polizei sogar öffentliche Führungen durch die Fahrrad-Hallen anbieten. Hamburger, die auf der Suche nach ihrem gestohlenen Rad sind, können sich dort einen Überblick verschaffen. Zusätzlichen sollen Bildergalerien ins Internet gestellt werden. Doch noch müssen sich die meisten Diebstahl-Opfer gedulden.

Nur fünf Beamte für „Soko Fahrrad“

Denn die „Soko Fahrrad“ ist aktuell nur mit fünf Beamten vor Ort. „In erster Linie sind wir auf die Identifizierung der Rahmennummern angewiesen“, sagt Kriminalhauptkommissar Frank Fürst, und das könne dauern. Beste Voraussetzungen für eine Zuordnung bestehe über eine in den Rahmen eingefräste Codierung. Aktionen dazu bietet die Polizei regelmäßig an. Ist diese Zahlenkombination nicht vorhanden, bleibt das Rad stumm und kann schweigend nur wenig über seine Herkunft verraten.Die Polizei war mit einem Großaufgebot an der Billstraße in Rothenburgsort vorgefahren. 180 Beamte waren im Einsatz, um die 1.500 Fahrräder sicherzustellen. Unterstützt wurden sie vom Technischen Hilfswerk (THW) mit 15 Lastwagen. „Gerade für diese Unterstützung sind wir dem THW sehr dankbar“, sagt Fürst. Drei Männer im Alter von 42 bis 44 Jahren, gegen die in dem Zusammenhang wegen gewerbsmäßiger Hehlerei ermittelt wird, sind weiter auf freiem Fuß. Haftgründe lagen bei den Männern, die der Polizei aus anderen Ermittlungsverfahren bekannt sind, nicht vor. Bei einer Verurteilung droht ihnen Haft von sechs Monaten bis zu zehn Jahren.

Diebstahl per Auftrag

Die Räder wurden in Hamburg, aber auch im gesamten norddeutschen Raum gestohlen, sagte Polizeisprecher Timo Zill. Man gehe von einer organisierten Struktur aus, bei der gezielt Diebstähle in Auftrag gegeben wurden. Die Drahtzieher haben offenbar in ganz Norddeutschland Räder klauen lassen, um sie über das Großlager in Rothenburgsort an Abnehmer in Osteuropa, aber auch Flohmarkt-Anbieter weiterzuverkaufen. Ein lukratives Geschäft: Während der Dieb für seine Beute im Normalfall etwa 50 Euro erhalte, bringt das Rad dem Hehler etwa 300 Euro. Laut Allgemeinem Deutschen Fahrradclub (ADFC) haben Deutschlands Stadtstaaten im Vergleich der Bundesländer die höchsten Diebstahlquoten: Hamburg und Berlin liegen ganz vorn mit jeweils mehr als 800 Fahrraddiebstählen je 100.000 Einwohner. 2016 wurden in Hamburg knapp 17.500 Fahrraddiebstähle angezeigt, 1,6 Prozent mehr als 2015. Den Diebstahl von 680 Rädern konnte die Polizei aufklären, das entspricht laut Kriminalstatistik einer Quote von 3,9 Prozent. Dieser Wert könnte sich nun vervielfachen.

Der Weg zurück zum gestohlenen Rad

Wem als Geschädigten ein Rad eindeutig zugeordnet werden kann, wird von der Polizei direkt informiert. Wer im Rahmen des noch im Aufbau befindlichen Internet-Auftritts erkennt, das ihm eines der geklauten Fahrräder gehört, muss dieses mit persönlichen Unterlagen wie Kaufbeleg oder Fotos nachweisen. Wird ein gestohlenes Bike identifiziert, für das der Besitzer bereits von der Versicherung entschädigt wurde, bleibt es im Besitz der Versicherung. In der Regel wird das Rad dann aber dem früheren Besitzer zum günstigen Rückkauf angeboten, da Abholung und Lagerung für die Versicherung zu teuer wären.

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