Sozial-Taler für St. Georg

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Tjorven Voet van Vormizeele (l.) freut sich über die Unterstützung von Teamleiterin Michaela Fleischer von der Budnikowsky-Filiale in der Langen Reihe Foto: Gehm
 
Bestandsaufnahme mit Inhaberin Hiltrud Lünsmann in der Apotheke zum Ritter Foto: Gehm

Schülerin entwickelt Hilfe-Projekt für Obdachlose. Unterstützer gesucht

Von Dagmar Gehm
St. Geor
g Da sag noch mal einer, die Jugend von heute sei rücksichtslos, ohne Mitgefühl und total Ich-bezogen. Tjorven Voet van Vormizeele straft alle Vorurteile Lügen. Denn nichts von alledem trifft auf die Gymnasiastin zu – im Gegenteil. Die 16-jährige ist engagiert, sozial eingestellt und hat absolut keine Berührungsängste mit einer Welt, in der sie nicht zuhause ist.
Für ein Projekt der Klosterschule in St. Georg, wo Tjorven in die 10. Klasse geht, waren Einfälle gefordert zum Thema „Klosterschüler machen Politik“. Tjorven rief ein Projekt ins Leben mit dem Ziel, das Leben armer Menschen ein wenig zu verbessern. In St. Georg, denn „hier stimmt alles überein: Es gibt viele Bedürftige und zahlreiche Läden in Bahnhofsnähe.“ Die Idee „Sozialtaler in St. Georg“ war geboren. Als Unterstützung für Obdachlose gedacht, die sich dank des gespendeten Talers mit Notwendigem eindecken könnten.
„Ich habe überlegt, was Menschen daran hindert, für Obdachlose zu spenden. Dann fiel mir ein, dass es oft der Konsum von Zigaretten und Alkohol ist, den der Spender nicht unterstützen will“, erkannte die Schülerin. „Also habe ich versucht, eine Lösung zu finden: In bestimmten Geschäften in St. Georg können Kunden Sozialtaler für 25 Cent pro Stück erwerben und sie vorzugsweise an Wohnungslose direkt verteilen oder sie in der Bahnhofsmission in die Sammelbüchse stecken.
Die bedürftigen Empfänger können die Taler wie Kleingeld dann in den angeschlossenen Geschäften einlösen gegen Konsumgüter des täglichen Bedarfs. Wie Hygieneartikel und Kosmetika bei Budnikowsky in der Langen Reihe 18 - 20, oder Pflaster und Hustenbonbons in der Apotheke zum Ritter, Lange Reihe 39.
Im November hatte Tjorven begonnen, mehrere Betriebe anzuschreiben, aber „letztlich haben sich nur zwei darauf eingelassen“, zeigt sie sich enttäuscht. „Einige haben trotz mehrfacher Nachfrage noch nicht einmal geantwortet“. Gern hätte sie einen Bäcker dabei gehabt und ein Lebensmittelgeschäft. Auf keinen Fall durften es jedoch Geschäfte sein, in denen es Alkohol oder Zigaretten zu kaufen gibt. Von ihren Eltern, den Hamburger CDU-Politikern Elisabeth und Kai Voet van Vormizeele, erhielt sie wertvolle Ratschläge zur Umsetzung. Besonders Vater Kai, Geschäftsführer der Hamburger Arbeitslosen-Telefonhilfe, war eine große Hilfe. Durchgeführt hat Tjorven das Projekt dann aber selbst. Anfangs noch zusammen mit einer Klassenkameradin. Jetzt stemmt sie es allein, mit erstaunlichem Selbstbewusstsein und noch größerem Engagement.
Zum Glück gibt es kein Zeitlimit vonseiten der Geschäfte, mindestens für ein Jahr sollen die schriftlichen Aufrufe dort hängen bleiben. Und vielleicht melden sich doch noch weitere Läden, die sich an der Aktion beteiligen wollen.

Schild macht neugierig


Inzwischen checkt die 16-jährige schon mal den Zwischenstand in der Apotheke zum Ritter: „Alle Kunden fragen, was es mit dem Schild ,Sozialtaler hier erhältlich!‘ auf sich hat, das bei uns an der Tür hängt“, berichtet Inhaberin Hiltrud Lünsmann. Interessenten bekommen dann von ihr Erläuterungen und einen Flyer, den Tjorven vorbereitet hat. „Weil ich die Aktion für eine richtig gute Idee halte, habe ich sie auch gleich aufgegriffen“, sagt die Apothekerin. Bis jetzt sind allerdings erst 40 Euro zusammengekommen. Doch Hiltrud Lünsmann betrachtet das Tauschen der Taler als Langzeitprojekt und hofft mit der jungen Ideengeberin auf bessere Resultate in der Zukunft.

Noch geringe Resonanz


Noch recht gering ist die Resonanz bisher auch in der Budnikowsky-Filiale im oberen Teil der Langen Reihe. Hier läuft das Projekt erst langsam an. Mit Teamleiterin Michaela Fleischer bleibt Taler-Erfinderin Tjorven im Dialog: „Bis jetzt ist Plastikgeld im Wert von 15 Euro bei uns eingelöst worden“, berichtet die Chefin der Filiale.
500 weiße Taler mit der Aufschrift „Budni“ hat sie von Tjorven erhalten, 500 sind an die zweite Filiale in der Langen Reihe 104-106 gegangen, 1000 schwarze Taler mit entsprechendem Aufdruck hat auch die Apotheke zum Ritter erhalten. Dem kleinen Hindernis, dass kein Strichcode auf den Talern steht, will Michaela Fleischer durch eine Extrakasse begegnen, in der das Plastikgeld aufbewahrt wird. Gut gesichert, versteht sich, denn durch die Nähe zum Hauptbahnhof kommt es häufig zu Diebstählen.

Jeder Betrag kann helfen


Immerhin 300 Euro wurden über das Aktionsprogramm „Vielfalt St. Georg-Borgfelde“ gespendet. Axel Mangat, Leiter der Bahnhofsmission, wo die Taler in die Sammelbüchse geworfen wurden, steht es jetzt frei, selbst für die Wohnungslosen einkaufen zu gehen oder die Taler an sie zu verteilen: „Mir wäre letzteres lieber“, wünscht sich Tjorven. „Dann haben sie freie Hand zu entscheiden, was sie wollen und das System der Sozialtaler auszuprobieren. Dann spricht es sich auch schneller herum und wird mehr genutzt.“
Axel Mangat findet es gut, „wenn sich Schüler mit sozialen Themen beschäftigen. Ich bin beeindruckt, dass sich Tjorven deutlich über das Schulprojekt hinaus so kreative und gute Gedanken macht. Uns hat es sehr gefreut, dass sie sich gezielt nach der Situation der Wohnungslosen erkundigt hat“. Mangat findet es toll, dass sie „dran geblieben ist, obwohl das Schulprojekt bald offiziell ausläuft“. Schließlich kann jeder kleine Beitrag helfen. Nach so viel Engagement auf sozialem Sektor darf sich die junge Hamburgerin nun erstmal auf ein weit entferntes Ziel freuen. Als Austauschschülerin geht sie für zwei Monate nach Australien. Wenn sie zurückkommt, hofft sie, dass der Sozialtaler endlich richtig ins Rollen gekommen ist.
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1 Kommentar
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Rainer Stelling aus St. Georg | 21.02.2015 | 11:14  
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