„Wir spüren den enormen Druck“

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Peter Marquard ist seit Mitte 2012 Leiter des Jugendamtes Hamburg-Mitte. Seine Vorgängerin war nach schweren Vorwürfen nach dem Tod der kleinen Chantal abgelöst worden Fotos: Hanke

Leiter Peter Marquard über den neuen Kurs im Jugendamt Mitte

St. Georg/Altstadt. Seitdem die kleine Chantal in Wilhelmsburg in der Obhut drogenabhängiger Pflegeltern starb und Jeremy aus Billstedt monatelang verschwunden war, steht das Jugendamt Hamburg-Mitte im Fokus massiver Kritik. Wie geht dieses Amt mit den Vorwürfen um, Kindesverwahrlosungen nicht bemerkt beziehungsweise nicht rechtzeitig eingegriffen zu haben? Seit Juni vergangenen Jahres leitet Dr. Peter Marquard das Jugendamt Hamburg-Mitte. Der engagierte Pädagoge bringt viel Erfahrung in der Jugendarbeit mit, leitete bereits Jugendämter in Schwerin, Freiburg und Bremen. Was ist aus seiner Sicht an der Arbeit des Jugendamtes zu verbessern? „Es geht um Haltung, Geist und Vertrauen“, antwortet Jugendamtsleiter Marquard.
Unter seiner Leitung wurde ein Programm der Arbeitsfähigkeits- und Qualitätssicherung im ASD (Allgemeiner Sozialer Dienst) erarbeitet, kurz AQUA. Der ASD trägt einen etwas irrefühenden Namen: Er ist keine Abteilung für alle anfallenden sozialen Aufgaben, sondern der verlängerte Arm des Familien- und Jugendamtes vor Ort in den Stadtteilen und Regionen. Im Bezirk Hamburg-Mitte agieren sieben ASD-Teams, drei im Bereich Wilhelmsburg-Veddel und je zwei in den Bereichen St. Georg, Hamm, Horn, Rothenburgsort, Hammerbrook, Billstedt und Neustadt, St. Pauli, Finkenwerder, Altstadt, HafenCity. Die für St. Georg zuständige ASD-Geschäftsstelle sitzt im Klosterwall 6, die für die Alt- und Neustadt in der Simon-von-Utrecht-Straße 4f in St.Pauli. In St. Georg und in der Altstadt haben die Jugend- und Familienhelfer nicht zu viel zu tun. Nach dem Hamburger Sozialmonitoring 2012, einer Bestandsaufnahme von Sozialdaten für Regionen in Hamburg, die nicht mehr als maximal 5000 Einwohnern stark sind, hat von den sieben Regionen in St. Georg nur eine den Status „sehr niedrig“ (ganz im Süden), die anderen werden als „mittel“ ausgewiesen. Der Dynamikindex, der die Entwicklung der letzten Jahre wiedergibt, beschreibt St. Georg als „stabil“ bis „positiv“ (zwei Regionen). Auch die Altstadt ist in der Dynamik „stabil“, eine von zwei Regionen hat den Status „niedrig“.
„Gefühl für Situation“
Als Voraussetzung für einen gut fuktionierenden ASD sieht Peter Marquard Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich wohlfühlen. „Das kann manchmal ganz banal ein ordentlicher Sitzungssal sein“, erzählt der erfahrene Jugendamtsleiter. Meistens aber geht es um das vertrauensvolle Verhältnis der Mitarbeiter untereinander und um umsichtige Führungskultur. Deshalb starten im Rahmen der AQUA-Richtlinien demnächst Workshops für die Mitarbeiter des Familien- und Jugendamtes und des ASD.
Die 20 Mitarbeiter mit Personalverantwortung müssen sich zum Beispiel nicht nur die Frage stellen: Wie gehen wir mit den zu betreuenden Familien um, sondern auch: Wie gehen wir mit Kollegen um? Es wird auch um die Gründe gehen, warum Mitarbeiter Angst haben, überfordert sind oder ihren Aufgaben einfach nicht genügen können. Nur, wenn die ASD-Teams sich in ihrem Arbeitsumfeld wohlfühlen, können sie auch mit den Unsicherheiten ihres Berufes leben. Denn „Handeln des ASD ist immer ein Handeln in Unsicherheit“, sagt Peter Marquard. Und es hat immer Folgen, sowohl das Handeln als auch das Nicht-Handeln. „Die Prognose eines Sozialarbeiters kann falsch sein“, gibt der Jugendamtsleiter zu. „Oft erscheint ein Familienleben in Ordnung, wenn der Sozialarbeiter kommt – und abends ist dort die Polizei im Einsatz“, erzählt Peter Marquard aus leidvoller Erfahrung. Das Ziel: „Die ASD-Mitarbeiter müssen mit Ängsten, Unsicherheiten offen umgehen und trotzdem gut schlafen können.“ Was deren Situation erschwert: das „Handeln in Widersprüchen“. Sozialarbeiter befinden sich in dem „natürlichen Konflikt“ zwischen der Unterbringung von Kindern in Familien oder in staatlichen Einrichtungen, so Marquard. „Checklisten und Diagnosebögen sind wichtige Hilfsmittel, aber entscheidend ist das Gefühl für die Situation“, stellt er fest.
Ombudsmänner
Kann ein ehrenamtlich tätiger Ombudsmann helfen? Rentner mit Erfahrung im Umgang mit Menschen, „die sich trauen, sich auf Bürokratie einzulassen“, kann sich Peter Marquard in dieser Funktion gut vorstellen, zum Beispiel pensionierte Richter.
Wird sich das Jugendamt Hamburg-Mitte positiv verändern? „Wir sind auf einem guten Weg. Wir werden vom Bezirksamt und vom Jugendhilfeausschuss gut unterstützt“, resümiert Peter Marquard. Seine Sorge ist der Hamburger Haushalt. Wenn die Bezirksämter weiter Personal einsparen müssten, stünden einfach zu wenige Kräfte zur Verfügung. „Wir spüren den enormen Druck“, sagt der Jugendamtsleiter. (ch)
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