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Rechtsanwalt Dr. Darius R. Kempa. Foto: hfr

Praktikanten - billige Arbeitskräfte?

Billstedt. Viele Unternehmen nutzen Praktikanten immer häufiger als billige Arbeitskräfte. Neueste Studien weisen darauf hin, dass vier von fünf Praktikanten in den Betrieben vollwertige Arbeit leisten und drei von vier fest in die Arbeitsabläufe eingeplant sind und insgesamt ca. 40 Prozent der Praktikanten unbezahlt arbeiten. Häufig werden befristete unbezahlte Praktikumsverträge abgeschlossen. Arbeitsrechtlich stellen diese Verträge aber vielfach echte Arbeitsverträge dar. Insoweit ist ein sogenannter Praktikant gut beraten, wenn er sich über seine tatsächlichen Rechte erkundigt. Häufig kann der ortsübliche Lohn für mehrere Monate eingeklagt werden. Daneben sind viele der Befristungen widerrechtlich ausgestaltet. Insoweit kann ein befristeter unbezahlter Praktikumsvertrag sich schnell zu einem unbefristeten Arbeitsvertrag wandeln. Hierbei ist die Bezeichnung als Praktikumsvertrag, Volontariat, Traineeship oder Hospitanz rechtlich unerheblich.
Ob es sich im Einzelfall um einen echten Praktikumsvertrag oder bereits um einen Arbeitsvertrag handelt, wird anhand verschiedenster Kriterien beurteilt. Die deutsche Arbeitsgerichtsbarkeit hat hierzu einige Leitlinien entwickelt. Die Arbeitsgerichte prüfen, ob das Ausbildungsverhältnis im Vordergrund steht, oder ob der Praktikant in die Arbeitsorganisation eingegliedert ist (vgl. BAG v. 01.12.2004, 7 AZR 129/04; BAG v. 20.01.2010, 5 AZR 106/09). Unter Praktikant versteht man nämlich im eigentlichen Sinne jemanden, der im Rahmen einer theoretischen Ausbildung praktische Erfahrungen und Kenntnisse sammeln will. Entsprechend bekommt der Praktikant auch kein Arbeitsentgelt, sondern eher eine Aufwandsentschädigung. Sollte der Praktikant jedoch in die Arbeitsorganisation eingegliedert sein und regelmäßig die übliche Tätigkeit eines Arbeitnehmers ausführen, muss er hierfür eine angemessene Vergütung erhalten. Die Rechtsprechung geht davon aus, dass eine angemessene Vergütung nur dann vorliegt, wenn mindestens zwei Drittel der ortsüblichen Vergütung gezahlt wird. Hierbei orientiert sich die Rechtsprechung häufig an entsprechenden Tarifverträgen. Im Unterschied zu Praktikanten werden Arbeitnehmer also nicht im Interesse ihrer Ausbildung, sondern im betrieblichen Interesse tätig. Wenn ein Einsatz ausschließlich in einer Abteilung erfolgt und der Praktikant eine ansonsten erforderliche Arbeitskraft ersetzt, ohne vorrangig Ausbildungsinteressen zu verfolgen, ist er rechtlich gesehen Arbeitnehmer.
Das Praktikantenverhältnis wird insoweit häufig arg strapaziert. Vielfach steht zwar Praktikant drauf, jedoch steckt eine billige Arbeitskraft drin. Praktikanten, die keine sind, weil sie nicht unter Anleitung arbeiten und die Tätigkeiten von ganz normalen Mitarbeitern verrichten, sollten sich überlegen, ob sie nicht eine reguläre Bezahlung einfordern. Denn die drastische Unterbezahlung unter dem Deckmantel des Praktikums ist rechtlich Lohnwucher (vgl. BAG v. 22.04.2009, 5 AZR 436/08). Wichtig ist für alle Betroffenen entsprechende Fristen nicht zu versäumen. Die Vorschriften des Kündigungsschutzgesetzes zur fristgebundenen Klageerhebung nach §§ 4, 7, 13 KSchG gelten nämlich zum Teil auch für sogenannte Praktikantenverträge. Wird also nicht innerhalb von drei Wochen nach Zugang der schriftlichen Kündigung oder Auslaufen des Vertrages eine Kündigungsschutzklage eingereicht, gilt die Kündigung als von Anfang an rechtswirksam (vgl. §§ 4, 7 KSchG). Genauso verhält es sich mit ausstehenden Lohnansprüchen. Welche exakten Fristen jeweils gelten, kann jedoch nur im Einzelfall geprüft werden. (Rechtsanwalt Dr. Darius R. Kempa)
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