Chance für Autoren

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Olaf Junge – ehemals Pflegekind – schrieb seine Erlebnisse auf Foto: Flüß

Olaf Junge gründete in Bramfeld den Underdog Verlag

Bramfeld Olaf Junge hatte keinen Heimvorteil. Gegen seinen Willen und die Empfehlung der Psychologen wurde er nach fünf Jahren im Kinderheim auf der Anscharhöhe in eine Pflegefamilie vermittelt. Über die Zeit seiner Kindheit und Jugend, die keine war, hat der heute 45-Jährige ein Buch geschrieben: „Kein Heimvorteil“. Und den Underdog Verlag für Autoren mit Geschichten wie der seinen, die Publikumsverlage nur ungern drucken, hat der Bramfelder dazu gegründet.
Als Olaf Junge von 1975 bis 1980 im Mutter-Langer-Haus in Eppendorf lebte, waren rund um den roten Klinkerbau noch Wiesen und der historische Garten d’Aigle streckte sich bis zum Appener Weg. „Über das Heim kann ich nicht meckern. Auch wenn ich nicht so ganz hinein passte, da es ein Heim für körperlich und geistig Behinderte war“, sagt Olaf Junge und fügt lächelnd hinzu: „Naja, ich hatte auch meine Macken.“ Olaf Junge hatte einen schweren Sprachfehler, von dem heute noch ein leichtes Stottern zu hören ist und Probleme mit der Rechtschreibung. „Meine Pflegemutter, eine Psychologin, wollte dass ich Fremdsprachenkorrespondent werde und hat mich auf das Helene-Lange-Gymnasium geschickt, eine Schule mit sprachlichem Schwerpunkt. Ich vermute, sie wollte das Unmögliche bei mir möglich machen“, erzählt er. Als Junge seinen eigenen technischen Neigungen nachging und Klassenbester in der Berufsfachschule für Technik wurde, habe die Pflegemutter den Schulbesuch boykottiert, indem sie Fahrkarten und Schulmaterialien nicht mehr bezahlte. Auch den Kontakt zur geliebten Patentante habe sie vehement unterbrochen und verweigert. „Mit 18 wurde ich auf die Straße gesetzt mit den Worten: Hiermit kündige ich die Pflegschaft“, erinnert er sich.

Verlag ist gemeinnützig


Eine Anwältin riet ihm, seine Geschichte aufzuschreiben. Ein namhafter Verlag bekundete Interesse – allerdings unter der Bedingung, das Manuskript zu entschärfen. Dazu war Olaf Junge nicht bereit. Er suchte sich einen erfahrenen Lektor, der Junges Erinnerungen bearbeitete und penibel redigierte ohne ihnen die Drastik zu nehmen. 2010 gründete das ehemalige Heimkind mit dem Sprachfehler seinen eigenen Verlag Underdog, um Autoren mit schlimmen Schicksalen eine Stimme zu geben. „Geschichten gibt es genug“, sagt Junge. Sieben Autoren aus ganz Deutschland verlegt er derzeit in seinem Verlag in Bramfeld. Vorwiegend harte Kost, die sich nicht mal eben so vor dem Einschlafen weg lesen lässt. „Aber es sind auch Geschichten dabei wie ‚Das stinknormale Leben eines Irren‘, die auch lebensfroh sind“, betont Junge. Auf der Leipziger Buchmesse und in der Presse erregen die Bücher der Underdogs Aufmerksamkeit. Leben kann Junge von den kleinen Auflagen jedoch nicht. Seit 2014 ist der Verlag gemeinnützig, um Schriftstellern, die im Schatten der Gesellschaft stehen, auch weiterhin eine Stimme zu geben. (flü)

Weitere Infos: www.underdog-verlag.de
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