Besonders kultiviert

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Inge Rickert im prachtvollen Rokoko-Kostüm Foto: Christa Möller
 
und danach im prachtvollen Rokoko-Kostüm Foto: Christa Möller

Inge Ricker liebt Rokoko – und ist Kulturbotschafterin

Von Christa Möller
Hamburg. Wenn Inge Rickert sich anzieht, kann das schon mal anderthalb Stunden dauern. Denn die 66-jährige Rahlstedterin verwandelt sich gelegentlich in Contessa Inglese di Severini. Und bis sie Panier (Unterrock mit drei ovalen Reifen), Jupe (Rock) und darüber Manteau trägt sowie den so genannten Stecker befestigt hat, der ursprünglich mit Nadeln auf die Korsage gesteckt wurde, vergeht eben einige Zeit. Schminke und Perücke tragen zur weiteren Verwandlung bei. „Ich habe zwar lange Haare, aber die jedes Mal zur Rokoko-Frisur aufzubrezeln ist aufwendig“, erläutert die zierliche Frau. Nur etwa eine Stunde dagegen braucht sie, um in ihr Gründerzeit-Kostüm zu schlüpfen. Dafür wird keine Perücke benötigt, sie steckt dann ihre Haare zu einem Knoten hoch und setzt den passenden Hut auf. Eine Korsage trägt die kostümbegeisterte Dame übrigens nicht – mit drei- bis vierhundert Euro wäre die Sonderanfertigung zu teuer für sie. Auch die Kostüme sind nicht eben kostengünstig. Am schwierigsten sei es mit den Schuhen, sagt die ehemalige Verwaltungsangestellte, die auf Zeitreise Kontaktlinsen trägt und zum Lesen ein Lorgnon mit Gläsern in ihrer Sehstärke nutzt.
Schon als Kind hat sich Inge Rickert gern verkleidet, damals reichten ihr zur Verwandlung noch Mutters große Hüte. Als junge Frau („damals fuhr in Hamburg noch die Straßenbahn“) besuchte sie einen Kostümverkauf bei der Staatsoper - ihre Leidenschaft für etwas andere Outfits war geweckt.

Maskenzauber

Die Theaterkostüme allerdings blieben zunächst noch jahrelang im Schrank. Den Anstoß, sie auch zu tragen, bekam sie durch den „Maskenzauber an der Alster“, wenn bis zu 100 Kostümierte im Januar den venezianischen Karneval nach Hamburg bringen. Inge Rickert besuchte eine Infoveranstaltung im Alsterpavillon und nahm dann vor 12 Jahren das erste Mal am Maskenzauber teil, zu dem neben dem Umzug auch ein Maskenball gehört. Sie fasziniert das Rollenspiel, „man ist ja kein Privatmensch mehr.“ Inzwischen hat sie etwa zehn Kostüme, darunter längst auch einige maßgefertigte Roben. Einige hundert Euro kostet so ein Kostüm. Den Stoff, beispielsweise altrosa und grüne Dupion-Seide fürs Rokoko-Kostüm, kaufte sie auf dem Holländischen Stoffmarkt in Alsterdorf. Weil Inge Rickert nicht selbst nähen kann, nahm eine befreundete Schneiderin Maß und fertigte das Kostüm für sie an. Die Schnitte zu bekommen, sei gar nicht so einfach, sagt die 66-Jährige. Eine englische Firma stelle sie her.
Beim Maskenzauber, dort sind übrigens auch Phantasiekostüme erlaubt und „es reicht sogar, wenn man nur eine Maske trägt“, knüpfte sie erste Kontakte zu Gleichgesinnten und erfuhr von Veranstaltungen in ganz Deutschland, die sie mit Freunden wie der „Contessa Leona di Colori“ und der „Gräfin Sabina von Dulsbergen“ sowie dem Grafen „Claus Redoute zu Sankt Pauli“ gern besucht wie beispielsweise das Barockkonzert in Jersbek oder die Rokoko-Redoute auf Schloss Benrath.

„Kultur im Koffer“

„Gern nutzen wir die Gelegenheit, die Kostüme zu zeigen“, sagt Inge Rickert, auch wenn die Darsteller teilweise selbst Eintrittsgeld zahlen müssen. Und so könnten interessierte Leser den hohen Herrschaften beispielsweise beim Mittsommernachtsball in Werder bei Postdam begegnen oder beim Barockfest auf Schloss Friedenstein in Gotha im August. Im nächsten Jahr plant sie, zur Venezianischen Messe nach Ludwigsburg zu fahren. Aber vielleicht haben Sie sie ja auch als Pirat beim Hamburger Hafengeburtstag gesehen - wer weiß? An ihrem Hobby lässt Inge Rickert auch Menschen teilhaben, die entsprechende Veranstaltungen nicht besuchen können. Seit Jahresanfang beteiligt sie sich als ehrenamtliche Kulturbotschafterin des Evangelisch-Lutherischen Kirchenkreises Ost an der Aktion „Kultur im Koffer“. „Ich besuche Leute, die nicht mehr an Kultur teilnehmen können.“ Dann allerdings trägt sie kein Kostüm, hat aber den Dreispitz auf und den Koffer in der Hand und erzählt Interessierten von ihrer Kostümleidenschaft.
Außerdem engagiert sie sich in der Programmgruppe des Kulturwerks Rahlstedt und schreibt skurrile Geschichten und Gedichte.
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