Besuch im Seemannsheim Krayenkamp

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Felix Tolle (rechts) begrüßt im Seemannsheim Krayenkamp Menschen aus der ganzen Welt Foto: sos
 
Retter in der Not: Das Seemannsheim Krayenkamp ist ein Ankerplatz für Seeleute ohne Zuhause, Arbeit – oder gar beides Foto: sos

Warmherzigkeit für Weltenbummler: Einrichtung in Hamburg ist für viele Gäste ein zweites Zuhause

Von Sonja Schmidt

Hamburg „Ich habe aufgegeben, Heimat mit einem Ort zu verbinden. Heimat findet man nur in sich selbst“, sagt Frank Kopplin und nippt an einer Tasse Kaffee. Heute ist „Seemannssonntag“ – an einem Donnerstag. Getreu alter Seefahrertradition kommen Matrosen, Köche, Kapitäne und Schiffsmechaniker im Seemannsheim am Krayenkamp zum Plausch zusammen.

Kopplin ist viel rumgekommen in der Welt. Mehr darüber erzählen aber will er heute nicht. Obwohl, ganz so falsch sei das damals nicht gewesen mit diesem „In jedem Hafen eine andere Braut“-Mythos. Seit der 59-Jährige wegen einer Wirbelsäulenverletzung endgültig von Bord ging, ist er Dauergast in dem 120-Betten-Haus neben dem Michel. Ja, er verreise immer noch gern, erzählt er. Am liebsten ein paar Monate nach Südafrika: „Das ist das schönste Land für mich.“ Aber er kommt immer wieder zurück ins Seemannsheim. Es ist sein Ankerplatz, hier kennt er sich aus und bekommt Unterstützung, wenn er sie braucht.
Ein Zimmer gibt es im Seemannsheim ab 41 Euro pro Nacht. Für Crews, Kurzzeitgäste und Touristen. Dauerhaft „Gestrandete“ wie Kopplin hingegen zahlen günstige Monatspreise von 300 bis 340 Euro. 35 Dauergäste haben sich derzeit im Krayenkamp einquartiert. Sie sind krank geworden, finden keine Arbeit oder haben kein Zuhause mehr. Viele Seeleute aus dem Ausland warten hier auf Sozialleistungen oder ihre Rente. „Einige sitzen bei uns einfach nur Zeit ab, bis sie zurück nach Chile oder Brasilien können“, erklärt Felix Tolle. Für seine Fernreise-erprobten Besucher ist der 38-Jährige weit mehr als nur stellvertretender Geschäftsführer. Er ist Kumpel und Seelsorger zugleich. Mit Geschäftsführerin Inka Peschke und einem Team ehrenamtlicher Mitarbeiter bietet er 83 Zimmer an, inklusive Rundum-Betreuung: Seeleute zu Behörden begleiten, bei der Jobsuche helfen und auf Schiffen anheuern, Visa-Anträge ausfüllen oder einfach nur zuhören, wenn es um familiäre Sorgen geht. Darum dreht es sich im Seemannsheim die meiste Zeit. Etwa wenn ein Seemann um Hilfe bittet, weil die Ehefrau daheim nach einem Tsunami schwer verletzt im Krankenhaus liegt und die Operation nicht bezahlen kann – dann verleiht Tolle ausnahmsweise sogar Geld. Ob es zurückbezahlt wird? „Das weiß ich vorher nicht, aber darauf muss ich vertrauen, sonst könnte ich diesen Job nicht machen.“

Im Seemannsheim Krayenkamp leben die unterschiedlichsten Charaktere unter einem Dach zusammen. 22.565 Übernachtungen von 3.419 Seeleuten verzeichnete das Haus 2015. Sie spielen Billard oder sitzen abends mit anderen Männern aus Ghana, Kapverden oder den Philippinen an der Theke und spinnen Seemannsgarn. Wenn das Haus zu voll ist, stellt er notfalls Betten in der Kapelle auf. Ein wichtiger Rückzugsort für Seeleute die in Sorge sind, trauern wollen oder einfach nur eine geistige Zuflucht suchen.
Das Seemannsheim ist für viele wie ein zweites Zuhause und im ganzen Viertel integriert. Auch in der nahegelegenen Gaststätte „Taifun“ sind die Seeleute gern gesehene Gäste. „Umgekehrt kommen viele Leute aus der Nachbarschaft und den Büros mittags zum Essen in unser Restaurant“, sagt Tolle.
Außer durch Mieteinnahmen finanziert sich das Seemannsheim über Schiffsabgaben und Spenden. Tolle: „In der Blüte zeit der Seefahrt in den 1970-er Jahren war es bei uns jede Nacht voll bis unters Dach. Heute müssen wir finanziell immer etwas kämpfen, aber noch geht es gut.“ Dann geht Tolle die Treppe hinauf ins Obergeschoss. Im Gemeinschaftsraum weht ein Wind von Freiheit: Geschichten über Marco Polo sowie zahlreiche Abenteuer- und Helden-Romane reihen sich in den Regalen aneinander. Einige Bücher sind Tausende Kilometer weit gereist, bevor sie am Krayenkamp gelandet sind. Irgendwann machen sie sich vielleicht erneut auf den Weg – typisch Seemannsheim eben.

Hilfe seit
125 Jahren


Die Seemannsmission in Hamburg wurde 1891 gegründet und feiert in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen.

Das Seemannsheim Krayenkamp eröffnete seine Pforten am 12. September 1959. Bis 1970 wurden fast nur deutsche Seeleute betreut, die meisten Ausländer kamen damals aus Österreich. Heute stammen sie aus mehr als 80 Ländern.

2015 führte das Seemannsheim Krayenkamp 334 psychosoziale Gespräche und Gespräche mit Behörden, machte insgesamt 16 Krankenbesuche und füllte 156 Anträge für Behörden aus.

Die Deutsche Seemannsmission sucht ehrenamtliche Mitarbeiter, die sich einmal monatlich an der Grabpflege in Ohlsdorf beteiligen. Der Seemannsfriedhof stellt mehr als 300 Grabstätten für Seeleute zur Verfügung.

Weitere Infos und Zimmer-Reservierungen im Internet unter www.
seemannsheim-hamburg.de oder Telefon 37 09 60.
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