„Brot und Rosen“ für Flüchtlinge in Hamburg

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Wie in einer großen Familie wird gemeinsam am großen Tisch gegessenFotos: Schlichtmann/wb
 
Birke Kleinwächter und Dietrich Gerstner am Küchentisch

WochenBlatt-Reporter zu Besuch in einer Solidaritäts-Wohngemeinschaft

Von Klaus Schlichtmann
Hamburg. Es ist ein unscheinbares, großes Reihenhaus in Bramfeld. Warmes Licht fällt durch die Fenster im Erdgeschoß auf die Straße, einladend wirkt es. Ein Aura von menschlicher Wärme empfängt Besucher wie mich auch im Inneren des Hauses. Ich bin bei „Brot und Rosen“ bzw. bei den Menschen, die diese Einrichtung durch ihre Arbeit und ihre Lebensphilosophie erst möglich machen.
„Brot und Rosen“, eine diakonische Hausgemeinschaft, hat seine Wurzeln in Amerika. Anfang der 1930-er Jahre, während der Weltwirtschaftskrise, propagierten die Gründer Dorothy Day und Peter Maurin ein soziales Programm gesellschaftlicher Veränderungen, das auch sofort praktisch umgesetzt werden sollte. Die zentrale Idee dieser Lebensweise: Praktizierte Nächstenliebe und Gastfreundschaft gegenüber Fremden, Obdachlosen, Flüchtlingen.
Inzwischen gibt es weltweit mehr als 200 „Häuser der Gastfreundschaft“, in Deutschland ist „Brot und Rosen“ - eine Suppenküche in Dortmund einmal ausgenommen - seit 1996 das einzige. „Brot“ steht dabei für die elementare Versorgung des Menschen, „Rosen“ für Anteilnahme und seelische Geborgenheit.

Geborgenheit

Und das versuchen der Theologe Dietrich Gerstner (48) und seine Mitstreiter in der Bramfelder Wohngemeinschaft ihren Gästen Tag für Tag zu vermitteln - Fürsorge und Geborgenheit.  Die Gäste - es sind Flüchtlinge, die hier ein wenig Zeit zum Durchatmen finden, zur Besinnung kommen können.
Sechs Flüchtlinge leben zur Zeit vorübergehend unter einem Dach mit ihren gläubigen Gastgebern, sie kommen aus Honduras, Somalia, der Türkei sowie aus Nigeria und Ghana, unter ihnen sind auch zwei aus der sogenannten Lampedusa-Gruppe. Über 200 Flüchtlinge waren es wohl, Männer, Frauen und Kinder, die hier in den zurück liegenden 17 Jahren Aufnahme gefunden haben.
Es duftet nach Reis, als ich die bunt gemischte Wohngemeinschaft besuche. Die Kurdin Hilal (40) aus der Türkei ist heute für die Küche zuständig, Kristina (33) aus Honduras geht ihr dabei zur Hand. Beide Frauen verbindet ein gemeinsames Schicksal - sie flüchteten vor Gewalt und Bedrohung aus ihren Heimatländern, fanden schließlich Aufnahme in Bramfeld.
Als wenig später eine Glocke alle WG-Bewohner zum Essen in die gemütliche Wohnküche ruft, steht das Essen bereits auf dem großen Tisch - neben Milchreis gibt‘s an diesem Tag auch Linsensuppe und Nudeln - der Rest vom Vortag.
„Wir versuchen, einfach und sparsam zu leben „, erklärt Birke Kleinwächter (51), die zusammen mit ihren Kindern und freiwilligen Helfern zum festen Bestandteil der WG gehört.
Finanziert wird diese praktizierte Nächstenliebe sowie sämtliche Kosten wie Miete, Strom, Heizung im Wesentlichen durch Spenden und Kollekten. Dazu kommt eine Selbstbeteiligung aller festen Mitglieder der WG. Die meisten von ihnen arbeiten als Teilzeitkräfte in ihren Berufen, bringen einen Teil ihres Einkommens in die Gemeinschaft ein. Die Spenden sind nicht nur finanzieller Art. Dietrich Gerstner: „Rund 80 Prozent unserer Lebensmittel erhalten wir von der „Hamburger Tafel“ und einem großen Bio-Laden.“
Inzwischen hat sich auch Hussein (31) aus Somalia an den Speisetisch gesellt. Er ist nur für ein paar Tage auf der Durchreise, will weiter in die USA, die notwendigen Papiere hat er bereits. Kofi und Friday, die beiden Lampedusa-Flüchtlinge, haben sich entschuldigt – sie müssten sich noch um andere Dinge kümmern. Gesprochen wird übrigens, soweit möglich, deutsch. Und englisch, aber manchmal mischt sich auch spanisch oder ein afrikanischer Dialekt in das Stimmengewirr. Aber alle Bewohner verstehen sich, irgendwie  - auch die wesentlichen Hausregeln: Alles wird geteilt, das gilt auch für alle anfallenden Arbeiten wie Waschen, Putzen, Lebensmittel transportieren, Staub saugen...

Neues Haus gesucht

Ein Dach über den Kopf, ein Bett zum Schlafen, regelmäßig eine warme Mahlzeit - das ist zunächst das Wichtigste für die Flüchtlinge. Aber darüber hinaus kümmert sich „Brot und Rosen“ auch um die für die Flüchtlinge oft schwer zu durchschauenden Behörden-Angelegenheiten, begleitet sie zusammen mit dem „Cafe Exil“ zur Ausländerbehörde, vermittelt Ärzte und engagiert sich auch außerhalb ihrer internationalen Bramfelder Solidaritäts-WG in der Hamburger Flüchtlingsarbeit. „Wir werden auch in Zukunft für die Flüchtlinge da sein, ohne bürokratische Hürden und unabhängig von ihrem sozialrechtlichen Status“, sagt Dietrich Gerster.
„Aber“, fährt der Theologe fort, „wir haben ein logistisches Problem, unser Haus ist schlicht voll und wir brauchen einfach mehr Platz!“ Trotzdem will „Brot und Rosen“ den familiären Charakter seiner gastfreundlichen Wohngemeinschaft erhalten und sucht deshalb ein weiteres Haus zur Miete, möglichst in Bramfeld. (wb)
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