Der Kult um die Bullis

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Ein gepflegter T3 mit Hochdach, ideal für Campingzwecke Foto: Daniel Ständer
 
Ivonne Schacht und Andreas Fuckner untersuchen beim Schrauber-Workshop den Unterboden eines alten VW-Busses Fotos: sos

Eine Leidenschaft für das Versprechen von Freiheit pur. Hamburgs erster Schrauberstammtisch

Von Sonja Schmidt
Wandsbek Er zuckelt die Landungsbrücken entlang, die Autobahn hinauf ans Meer oder einmal um die Welt. Der legendäre VW-Bus erlebt eine Renaissance und erfreut sich auch in Hamburg wieder größerer Beliebtheit. „Die Begeisterung für Bullis ist in den vergangenen fünf Jahren wieder enorm gestiegen“, weiß Daniel Ständer. 2003 hat der heute 42-Jährige den VW-Bus-Stammtisch Hamburg ins Leben gerufen. Auch sein Schrauber-Workshop für Anfänger ist gut besucht. Elf Teilnehmer stehen in einer Kfz-Prüfstelle in Wandsbek und lernen, wie sie ihr Kultauto eigenhändig hegen und pflegen.

Kfz-Technikermeister Thomas Pentz bringt die wichtigsten Tricks und Kniffe bei. Neben ihm steht Heiko Krohn aus Reinbek. Seit zehn Jahren fährt er mit seinem VW-Bus in den Urlaub. „Unter Bulli-Fans herrscht ein großes Miteinander. Wir treffen uns regelmäßig, fachsimpeln und tauschen uns über spannende Reiseziele aus“, schwärmt er. Sein auf Hochglanz polierter Multivan der Generation T5 glänzt auf dem Parkplatz in der Sonne neben weiteren Kleinbussen, Kastenwagen und Campern der Wolfsburger Kultmarke.
In der Werkstatt erkunden die Workshop-Teilnehmer die dunkle Seite: Mit Taschenlampen inspizieren sie unter einer Hebebühne den Unterboden eines altersschwachen Bullis. Rost überall. Ivonne Schacht schaut genauer hin. Die 46-Jährige ist in bester Schrauber-Laune extra aus den Vierlanden angereist. Kürzlich war sie wegen merkwürdigen Fahrgeräuschen mit ihrem 22 Jahre alten Gefährt in der Werkstatt. „Aber ich habe nicht verstanden, was das Problem war“, erklärt sie. „Jetzt bin ich hier, weil ich mehr über mein Auto erfahren will. Und bis zum T4 kann man ja noch gut selbst an seinem Bus herumschrauben.“

Immer wenn ihr die Decke auf den Kopf fällt, setzt sie sich in ihren Bulli und fährt drauf los. „Wenn ich einen schönen Ort gefunden habe, halte ich einfach an und bleibe. Das ist Freiheit pur“, schwärmt sie. Dieses Lebensgefühl verbindet sie mit Oliver Wünsche aus Eimsbüttel. Der 46-Jährige fährt seit 2015 einen T4, Baujahr 1992. Mit Aufstelldach. Im Sommer war er einige Wochen an Frankreichs Küste unterwegs. Urlauben mit der Familie. „Der VW-Bus ist super, wenn man mit Kindern unterwegs ist. Sehr geräumig.“

Die Workshop-Teilnehmer sind eine bunt gemischte Truppe aus Männer und Frauen, die eines vereint: sie alle fahren mit ihrem Bulli in den Urlaub. Die meisten, so erzählt man sich in der Mittagspause, haben ihren mobilen Allrounder gebraucht gekauft. Umso älter das Modell, desto höher der Preis. „Von 500 Euro bis 200.000 Euro für einen T3 im Top-Zustand ist auf dem Markt alles dabei“, weiß Ständer. Vor allem ältere Modelle im Originalzustand ziehen die Preise enorm an. Als Wertanlage sind sie besonders begehrte Objekte. Nicht selten leisten sich daher wahre Liebhaber und Kenner gleich mehrere Bullis.
So wie Workshop-Leiter Thomas Pentz. Er besitzt drei. „Einer steht in der Garage, einer im Schuppen und einer draußen“, verrät er. Mit dem einem verreist er im Sommer, den anderen nutzt er alltags als Multivan. „Und für den dritten findet sich sicherlich auch noch ein Nutzen“, sagt er und grinst.

Dann zieht er eine Ein-Euro-Münze aus der Hosentasche und steckt sie in das Profil eines Reifens. Mindestens 1,6 Millimeter lautet die gesetzliche Standardtiefe. „Das finde ich aber grenzwertig. Ich empfehle eher drei Millimeter“, so Pentz. Um ihn herum schreiben die Teilnehmer konzentriert mit. Auch Lena und Friederike aus der Sternschanze. Seit einem halben Jahr sind sie stolze Besitzer eines nostalgischen Bullis. Den Innenraum haben sie liebevoll eingerichtet, mit einer gemütlichen Schlafecke und einer kleinen Spüle aufgemöbelt. Demnächst wollen sie in einen Katalysator investieren, um auch in die Städte hineinfahren zu können. Lebensgeschichten erfahren, so nennen sie es. Einfach drauf los mit dem „Mini-Zuhause“ an die Müritz, nach Fehmarn oder Kroatien. Lena bringt es auf den Punkt: „Dieses Auto ist wie ein Tagebuch mit Reifen. Mit jeder Fahrt füllt es sich mit Geschichten.“

Egal ob Werbetexter, Physiotherapeutin, Lehrer oder Student – der VW Bulli begeistert Gleichgesinnte aus allen Gesellschaftsschichten. Sie teilen die Freude am mobilen Leben. Egal ob T1- oder neuestes T6-Modell, „einmal VW-Bus, immer VW-Bus“, betont Ständer. In der Schrauber-Werkstatt hat er ein großes Plakat aufgehängt: „Bullis verbinden.“ Der 42-Jährige erklärt, was das bedeutet: „Wenn zwei Bulli-Fahrer im Stau stehen, dauert es nicht lange und beide kurbeln die Scheibe runter und quatschen nett miteinander.“

Premiere bereits 1950:
Die Idee für den VW-Bus geht auf den niederländischen Volkswagen-Importeur Ben Pon zurück. 1947 sah er auf dem VW-Werksgelände ein kastenförmiges Gefährt, das Mitarbeiter für den Transport von Platten selbstgebaut hatten. Daraufhin skizzierte er die Grundzüge eines Transporters, die Idee für den „Bulli“ war geboren.
Mit der Premiere des VW-Bus T1 im März 1950, der 25 PS leistete, erwachte die Lust am mobilen Reisen. 1967 folgte die Weiterentwicklung zum VW-Transporter T2. Im Sommer 2015 ging die sechste Generation des Kultautos an den Start.
Die nächsten Schrauber-Workshops für VW-Bus-Besitzer finden am 24. (T3) und 25. September (T4) statt. Infos und Anmeldung unter info@vw-bus-stammtisch-hamburg.de
Der VW-Bus-Stammtisch Hamburg trifft sich jeden letzten Dienstag im Monat ab 19.30 Uhr im Shovel Road, Gasstraße 2a, in Bahrenfeld. Infos unter: www.vw-bus-stammtisch-hamburg.de (sos)
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