Die Chefin sagt Tschüs

Anzeige
Zwei Generationen: Renate Jacobs und Betriebsnachfolger Radhouane Heloui Foto: Hertel

Conditorei Jacobs: Familien-Ära endet nach 66 Jahren. Geselle übernimmt

Von Michael Hertel
Berne
Kunde Michael Hein überreichte bunte Stiefmütterchen als Glücksbringer, Birgit Staffeldt dagegen schien regelrecht geschockt von der Nachricht und verdrückte ein paar Tränen: Bei der Conditorei Jacobs am U-Bahnhof Berne endete zu Silvester eine Ära: Mit Renate Jacobs (76) gab die letzte Chefin das Zepter der Familiendynastie aus der Hand. Seit dem 1. Januar ist nun Radhouane Heloui (37) der Herr im Conditorenhause. Der gebürtige Tunesier stand seit 15 Jahren bei den Jacobs in Lohn und Brot, zuletzt als Geselle. „Radhouane hat bei meinem Mann gelernt – der beherrscht sein Handwerk“, ist sich Renate Jacobs sicher, dass Angebot und Qualität auch künftig stimmen werden.


Mehl und Mode


Renate Jacobs selbst kann man – auch im fortgeschrittenen Alter – als „Power-Frau“ bezeichnen. Aus einer Künstlerfamilie mit italienischen Wurzeln stammend, heiratete sie einst im Jahre 1960 ihren Olaf und damit in den 1949 von Heinrich und Margot Jacobs gegründeten Handwerksbetrieb ein. Anfangs hatten Backstube und Verkaufstresen in einem Siedlerhaus der Gartenstadt gestanden. Nach fünf Jahren bezog man Räume in dem neu erbauten Geschäftshaus am Berner Heerweg. Renate Jacobs, gelernte Kostüm- und Bühnenbildnerin mit Schauspielausbildung, arrangierte sich mit Mehl und Sahne, was ihr umso leichter fiel, da Olaf Jacobs, den sie auf einer „Fete“ kennengelernt hatte, über eine ausgeprägt künstlerische Ader verfügte. Zwischenzeitlich konzentrierte sie – auf Anregung eines Betriebsberaters und der Schwiegereltern – Ehrgeiz und Kraft in eine Boutique, entwarf Kollektionen für „Brigitte“, „Bella“ und „Tina“. Doch kaum hatte sie ihr Ladengeschäft „Roquita‘s Basar“ am Berner Stieg eröffnet, starb die Schwiegermutter, und Renate pendelte nur noch zwischen Mehl und Mode.
Ein weiterer Schicksalsschlag war die schwere Erkrankung ihres Mannes. Da hatte die Familie gerade ihr gesamtes Vermögen in die Sanierung der ehemaligen Konditorei Henning auf der anderen Seite der U-Bahn investiert. Aus der ärztlichen Prognose „drei Monate“ wurden für den „Konditor mit Leib und Seele“ noch 17 Jahre. Doch spätestens Anfang 2013 stellte sich die Frage der Betriebsnachfolge akut. „Ohne unseren Gesellen hätte ich damals zumachen müssen“, berichtet die bisherige Senior-Chefin. Nun aber bleibt Berne der für seine köstlichen Torten legendäre Handwerksbetrieb mit Café erhalten.
Die Rastlose schmiedet derweil schon vergnügt Pläne: eine Marmeladen-Produktion, ein Hofladen, ein Café – Berne wird es erfahren. Und ein wenig Kontinuität bleibt gewahrt, denn Enkel Jan-Sören (25) fertigt als Jung-Geselle mindestens bis zum Abschluss seines handwerksbegleitenden Studiums im kommenden Sommer weiterhin Torten mit Künstlerhand am Berner Heerweg. Und wer weiß? Wahrscheinlich wird man auch Power-Frau Renate des öfteren als Aushilfe hinter‘m Tresen sehen.
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige