Endlich in Sicherheit

Anzeige
Rasha Awad und Töchterchen Maroua lernen Deutsch bei „Zeitspenderin“ Bärbel Polz Foto:mt
 
Kleine und große Helfer. Mit gelben Merkzetteln lernt Rasha Awad (Vokabeln die Bärbel Polz einmal in der Woche abfragt Foto: mt

„Zeitspender“ aus Barsbüttel helfen syrischer Familie nach Flucht

Von Marco Thielcke
Barsbüttel. Der Bürgerkrieg in Syrien kennt schon lange keine Grenzen mehr. Längst sind die ersten Flüchtlinge auch in Hamburg eingetroffen, mehr als 3.000 Kilometer entfernt von ihrer Heimat. 656 Menschen sind seit 2012 aus dem Bürgerkriegsland nach Hamburg gekommen, deutschlandweit sind es mehr als 23.000. Die siebenköpfige Familie Awad aus der syrischen Stadt Homs gehört zu den Menschen, die in Deutschland eine sichere Zuflucht suchten – und sie in Barsbüttel gefunden haben.

Sie pauken Vokabeln

Das liegt vor allem an den vielen engagierten und ehrenamtlichen Helfern, die der Familie und anderen Flüchtlingen in der Gemeinde unter die Arme greifen. Bärbel Polz (71) ist eine von ihnen. Einmal in der Woche sitzt sie mit der Mutter Rasha Awad (29) im Bürgerhaus Barsbüttel an einem Tisch und paukt Vokabeln. Rasha, Mutter von vier Kindern, will Deutsch lernen, die Sprache ihrer neuen Heimat. Dafür holt Bärbel Polz die junge Frau jeden Donnerstag mit dem Auto aus ihrer Unterkunft, einem grauen Wohncontainer, ab.

Zeitspender

Polz ist „Zeitspenderin“, ein Ehrenamt der Bürger-Stiftung Barsbüttel. „Ich kann leider kein Geld spenden, aber Zeit habe ich genug“, sagt die ehemalige Chefsekretärin von Scandinavian Airlines. Streng kontrolliert sie Rashas Hausaufgaben, geduldig konjungiert sie mit ihr Verben und klatscht, wenn ein Satz fehlerfrei ist. Richtiges Lehrmaterial haben sie nicht, doch die beiden Mütter improvisieren: Während der Woche fischt Bärbel Polz nach Prospekten in ihrem Briefkasten und Grammatikübungen im Internet, um Material für den Unterricht zu sammeln. Mit Hilfe von klebenden Merkzetteln auf Alltagsgegenständen will Rasha die notwendigsten Dinge lernen. „Wichtig ist doch, dass sich die Familie in der Gemeinde verständigen kann“, sagt Polz. Deshalb übt sie mit Rasha vor allem Alltagssituationen, wie am Obststand oder beim Arzt.
Für einen anerkannten Deutsch-Kursus kann sich Rasha erst anmelden, wenn ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist. „Das kann aber noch zwei Jahre dauern“, sagt Matthias Feise, Sozialpädagoge der Hilfseinrichtung „To Hus“ im Kreis Stormarn. So lange will Rasha aber nicht warten. Ihre Kinder Oudai (8), Aisha (3) und Janine (9) besuchen bereits die Schule und den Kindergarten der Gemeinde. Am Nachmittag sitzen sie gemeinsam an dem einzigen Tisch ihrer Unterkunft und machen Hausaufgaben.
Töchterchen Maroua (2) nimmt Rasha donnerstags mit ins Bürgerhaus. Sie lässt sie während des zweistündigen Unterrichts nicht aus den Augen.
Rasha erinnert sich noch gut an die Flucht aus Syrien und den langen Weg nach Hamburg. Mit nur wenig Gepäck verlassen sie die von der syrischen Armee belagerte Stadt Homs im vergangenen Jahr. Über Ägypten gelangen sie auf einem überfüllten Flüchtlingsboot nach Lampedusa. „Die Menschen auf dem Boot trampelten auf Marouas kleine Hand, weil so wenig Platz war“, sagt Rasha. Im September steigen sie, ihre vier Kinder, ihr Mann Zied (34) und Schwiegervater Naim (64) in Hamburg aus dem Zug – nach 23 Tagen auf der Flucht.
Wie anstrengend das gewesen sein muss, kann sich Bärbel Polz nur schwer vorstellen. „Ich bekomme immer Gänsehaut, wenn ich daran denke, wie eine Familie mit vier Kindern durch soviel Leid in eine ungewisse Zukunft aufbricht“, sagt Polz.
An Silvester holt die syrische Familie die Vergangenheit wieder ein. Während Nachbarn mit Böllern und Raketen das neue Jahr begrüßen, liegt sich die ganze Familie ängstlich in den Armen, die vier Kinder halten sich verstört die Ohren zu. Rasha zuckt bei jedem Knall zusammen. Erinnerungen aus ihrer Heimatstadt Homs in Syrien und an die Flucht vor den syrischen Polizeikräften kommen wieder zurück. Erinnerungen an ihren Bruder, der vor anderthalb Jahren von der Polizei verhaftet wurde und seitdem vermisst wird, Erinnerungen wie ihr Haus, wie viele andere in Homs, zerstört wurde. Die Angst vor Scharfschützen war ein ständiger Begleiter. Familie Awad packt schließlich ihr Hab und Gut auf einen kleinen Kinderwagen und flieht, sie wollen weg, weg vom Bürgerkrieg und ein sicheres zu Hause für ihre vier Kinder finden.
In Barsbüttel fühlen sie sich sicher. Eine Wohnung aber haben sie noch nicht. Die 25 Quadratmeter, auf denen die Familie bisher lebt, können nur eine Übergangslösung sein. „Wir suchen ein Haus, in dem wir zwei Familien unterbringen können. Die Gemeinde würde es mieten oder kaufen“, sagt Sozialpädagoge Matthias Feise. Eine Rückkehr nach Syrien kann sich Rasha nicht mehr vorstellen, zu viel Leid und Ungerechtigkeit haben sie in den vergangenen Jahren erlebt. (mt)

Info
35 Flüchtlinge leben in der Gemeinde Barsbüttel. Bis Mai werden weitere 20 Flüchtlinge erwartet. Für sie werden noch Sozialpaten wie Bärbel Polz gesucht. Sozialpaten begleiten Asylbewerber zu Behörden oder zeigen ihnen wo Supermärkte und Ärzte sind. Barsbüttel sucht noch dringend Wohnraum für die Familie Awad (Foto) und die neuen Flüchtlinge. Die Gemeinde ist Mieter und übernimmt sämtliche Kosten.
Freiwillige, Wohnungsangebote oder Spenden an Holger Strehl, Tel.: 67072300 oder per E-Mail an holger.strehl@barsbüttel.landsh.de
Anzeige
Anzeige
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.
Anzeige
Anzeige