Expertinnen für alte Schriften

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Renate Ehmke (l.) und Gabriele Lück interessieren sich für alte Dokumente und „die Geschichten, die dahinterstecken.“ Foto: Möller
Von Christa Möller
Eilbek
Beim Flohmarkt-Café der Friedenskirche in Eilbek vor elf Jahren fing alles an: Damals fragten zwei junge Männer nach Unterstützung beim Entziffern alter Unterlagen in Sütterlin-Schrift. Marlen Klotz, als Gast vor Ort, konnte spontan helfen, denn die 77-jährige hat die Schrift noch in der Schule gelernt. Dadurch kam sie gemeinsam mit Renate Endrulat, die unter anderem für die Öffentlichkeitsarbeit der Kirchengemeinde zuständig ist, auf die Idee, die „Sütterlin-Stube“ ins Leben zu rufen. Jeden Montag Vormittag treffen sich seither einige Aktive, die die alte Schreibschrift noch beherrschen. „Die Sütterlin-Schrift wurde erst 1913 in den Schulen eingeführt“, weiß Marlen Klotz. Das preußische Kultur- und Schulministerium hatte Ludwig Sütterlin beauftragt, eine vereinfachte Form der Kurrent-Schrift zu entwickeln. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Sütterlin-Schrift dann wieder verboten, „weil Herr Sütterlin angeblich einen jüdischen Hintergrund hatte – und dabei ist es eine so schöne Schrift“, sagt Marlen Klotz, die diese in der Schule noch mit dem Griffel auf einer Schiefertafel geschrieben hat. „Wir mussten natürlich auch lateinische Schrift lernen. Und da ich einen Großvater hatte, der Wert auf gute Handschrift legte, musste ich beides gut können.“ Die „Zweisprachigkeit“ hatte durchaus ihre praktischen Seiten, denn so hatte sie die Möglichkeit, sich mit einer Freundin geheime Briefe in Sütterlin zu schreiben. Sieben Damen engagieren sich zur Zeit in der „Sütterlin-Stube“, eine kommt aus dem Stadtteil, die anderen reisen aus Wandsbek, Eppendorf, Barmbek, Horn oder Öjendorf an.
Für Marlen Klotz und ihre Kolleginnen in der Sütterlin-Stube ist klar: „Wenn Sütterlin-Schrift gut geschrieben ist, kann man sie fließend weglesen.“ Die alte Schrift fasziniert die Frauen, der Inhalt der Schriftstücke, um deren „Übersetzung“ sie gebeten werden, tut es nicht minder. Mal sind es Kriegstagebücher, mal (Liebes-)Briefe, mal Kochbücher oder ein alter Arztbrief, aber auch Auszüge aus Poesiealben oder Kirchenbüchern, die ihnen vorgelegt werden. Einmal galt es, einen Ehevertrag von 1870 zu entschlüsseln, worin festgelegt war, was die Braut von Zuhause mitbekommt. Dann war da das detaillierte Tagebuch eines kulturell sehr interessierten Bäckergesellen auf Wanderschaft. Und schließlich die Berichte eines Einhandseglers, der im 19. Jahrhundert allein von Insel zu Insel durch die Karibik schipperte. Seine Schilderungen von Land und Leuten faszinieren noch heute.

Interessante Akten


„Damals kannte man die kleinen Inseln noch nicht. Das ist auch interessant für Leute, die sich mit Seekarten auskennen, denn er hat die genauen Positionen angegeben“, erinnert sich Übersetzerin Renate Ehmke. Sogar mit einer alte Gerichtsakte von 1825 über einen Mordfall an einem Schmiedemeister beschäftigte sich das Team. Der Geselle hatte mit einem Hammer zugeschlagen. Die Ärzte waren noch nicht zu einer sterilen Gehirnoperation imstande. „Und so wurden sowohl der Geselle als auch die Ärzte verurteilt“, erzählt Marlen Klotz.
Die Kunden bekommen eine Auftragsnummer, dann entschlüsseln die Mitglieder den Text zuhause und erfassen das Ergebnis auf dem Computer. Bei ihren wöchentlichen Treffen versuchen sie, eventuell noch vorhandene Unklarheiten gemeinsam zu beseitigen. Dabei ist gelegentlich detektivisches Gespür vonnöten. Manchmal werden Landkarten zu Rate gezogen, um alte Ortsnamen, etwa in Polen oder Russland, aufzuspüren. Gelegentlich sind Orte auch umbenannt oder zusammengelegt worden. „Es macht einfach Spaß, das auszuknobeln“, finden die Damen, interessieren sich aber auch für „die Geschichten, die dahinterstecken.“ Und „nicht zu vergessen: Die nette Gesellschaft“ bei Kaffee und Kuchen...

Archiv angelegt


Längst hat die Sütterlin-Stube, die im Freiwilligenforum Eilbek installiert ist, ein kleines Archiv angelegt, denn so mancher Text wurde ihr überlassen wie beispielsweise ein „Unbescholtenheitszeugnis“ der Neustädter Realschule in Dresden. Sogar das Staatsarchiv konnten sie schon mal unterstützen, ebenso wie die Hamburger Kunsthalle. Die weiteste Anfrage bislang kam aus Nürnberg von einer Dame, die zahlreiche Briefe ihres Vaters aus der Kriegsgefangenschaft übersetzt haben wollte. Das älteste Schriftstück, das die Mitglieder übersetzten, stammte aus dem Jahr 1725. Marlen Klotz, die auch Sütterlin-Kurse gibt, hat noch alte Kochbücher ihrer Großmutter, die hat sie für ihre Kinder in lateinische Schrift übertragen, ebenso wie einen Gedichtband ihrer Urgroßmutter. Ihre Schwestern beherrschen die Sütterlin-Schrift nicht, ihre älteste Tochter nur ein bisschen. Aber „eines meiner fünf Enkelkinder interessiert sich dafür...“
„Der Kirchenkreis guckt mit sehr viel Freude auf dieses Projekt“, weiß Renate Endrulat. Für ihre Arbeit verlangen die Ehrenamtlichen lediglich eine Aufwandsentschädigung in Höhe von zwei Euro pro auf dem Computer erfasster DIN A 4-Seite, um etwa Papier und Tinte finanzieren zu können. (cm)

Sütterlinstube Hamburg-Eilbek, Öffnungszeiten montags von 10 bis 12 Uhr, Stube im Kirchengemeindehaus an der Papenstraße 70. Telefonische Infos im Kirchenbüro, Tel. 250 54 78.
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1 Kommentar
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Renate Endrulat aus Eilbek | 11.03.2015 | 10:24  
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