Hamburg: 20.000-Euro-Gemälde für 45 Euro verkauft

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Betriebsleiter Roman Hottgenroth, 43, in Halle 2 der „Stilbruch“-Häuser. Jeden Tag kommen rund 1200 Kunden nach Wandsbek Fotos: ks
 
Guido Morquard , 48, kauft gleich vier Stühle für je 15 Euro

‚Stilbruch‘-Haus der Stadtreinigung verwertet Gebrauchtes und macht jetzt sogar Gewinn

Von Klaus Schlichtmann
Hamburg. Guido Morquard (48) aus Berne freut sich über einen braunen Lederstuhl aus den 70er Jahren. Gerade 15 Euro hat er gekostet - und weil es ein Schnäppchen ist, kauft er gleich vier davon, für den heimischen Esstisch. Auch Katharina Bruhn (55) aus Bergedorf ist fündig geworden - sechs antiquarische Bücher wie Wilhelm Buschs „Von mir über mich“ von 1956 hat sie gekauft und dafür gerade mal 24 Euro ausgegeben. Donata Debski aus Barmbek stöbert noch zwischen den Damen-Sweetshirts, „aber ich werde schon noch etwas finden“, lacht sie. Alle drei sind Stammkunden im „Stilbruch“ - dem Kaufhaus der Hamburger Stadtreinigung in der Helbingstraße (Wandsbek).
„Gut die Hälfte der Besucher kommt regelmäßig“, erklärt  Betriebsleiter Roman Hottgenroth (43) - und er kann zufrieden sein mit der Entwicklung in den „Stilbruch“-Häusern -eine weitere Filiale gibt es in Altona - in denen im vergangenen Jahr knapp 350.000 gebrauchte Artikel aller Art für 2,57 Millionen Euro umgesetzt wurden -neuer Rekord. Es ist schon eine Erfolgsgeschichte: Was bei der Gründung 2001 mit einem Betriebleiter, sechs Langzeit-Arbeitslosen und durchschnittlich 400 D-Mark Tagesumsatz in Wandsbek begann, hat sich bis heute zu einem mittelständischen Unternehmen mit 62 Beschäftigten entwickelt. „Und wir tragen uns nicht nur selbst, sondern erwirtschaften auch noch einen Überschuß“, erklärt Betriebsleiter Hottgenroth stolz. Nur ein Teil dieses Geldes wird an die Stadtreinigung abgeführt. „Mit dem anderen versuchen wir, schwer vermittelbaren Arbeitslosen mit einem Job bei uns wieder eine neue Perspektive zu geben.“ Roman Hottgenroth, selbst gelernter Heizungsbauer, ist nach längerer Arbeitslosigkeit auf diesem Weg der berufliche Wiedereinstieg gelungen. 2004 fing er hier als Ein-Euro-Jobber an - und machte Karriere.

Nachschub an sechs Tagen in der Woche

Durchschnittlich 1.200 Kunden streifen täglich durch die beiden Hallen in Wandsbek. Auf gut 1.800 Quadratmetern Fläche wird hier ein Sammelsurium von Gegenständen angeboten, für das die Vorbesitzer keine Verwendung mehr hatten: Hartschalenkoffer für 19 Euro, lederner Golfbag mit elf Schlägern für 23 Euro, eine neuwertige Schubkarre für 39 Euro, ein englischer Teewagen aus Messing mit feinen Intarsien für 59 Euro, zum gleichen Preis gibt es ein paar Meter weiter ein zweisitziges Ledersofa in Schwarz. Dazu jede Menge Gläser, DVDs, Bücher, Fahrräder, Kinderspiele und Möbel. Man braucht auf jeden Fall Zeit, um sich einen Überblick über das Angebot zu verschaffen.
An sechs Tagen in der Woche kommt Nachschub. Roman Hottgenroth: „Wenn die Möbelwagen mit der Ware vorfahren, ist das immer wieder spannend, was da jetzt wohl angeliefert wird.“ Die meisten „neuen“ alten Sachen stammen von den zwölf Hamburger Recyclinghöfen, doch schon auf Platz zwei rangieren mit 20 Prozent Anteil die privaten Anlieferungen. „Diese Dinge werden meist von Leuten gebracht,  die verhindern möchten, daß sie im Müll landen.“ Der Rest stammt von der sogenannten „Schonenden Sperrmüllabfuhr“ - meist gut erhaltende Möbel, die für den Schredder viel zu schade sind.
Die höchsten Preise bei „Stilbruch“ mit jeweils 2.000 Euro erzielten übrigens ein seltener Orientteppich sowie ein altes, aber intaktes Cembalo. Ein Ölgemälde, verkauft für 45 Euro, hätte diese Top-Erlöse allerdings deutlich in den Schatten stellen können. Der Käufer ließ es schätzen und versteigern - für 20.000 Euro ...
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