Hamburg: Büros in alten Häftlingszellen

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Das historische Amtsgericht an der Schädlerstraße Fotos: Christa Möller
 
Die Außenwand des alten Gefängnisses wurde integriert

Im Amtsgericht Wandsbek arbeiten Richter jetzt in besonderer Atmosphäre

Von Christa Möller


Wenn Anna Voscherau Besucher in ihr Büro bittet, bekommen die Gäste einen Einblick in die Vergangenheit. Denn die Richterin am Amtsgericht Wandsbek, Tochter von Altbürgermeister Henning Voscherau, hat ihren Arbeitsbereich seit kurzem in zwei zusammengelegten, jeweils sechs Quadratmeter großen ehemaligen Zellen des alten Gefängnisses, das noch bis 2005 als Jugendarrestanstalt diente.

Die niedrigen Eingänge sind noch deutlich sichtbar, etliche alte Türen erhaltenn. Und unterhalb der alten hohen Zellenfenster, vor denen die Gitterstäbe längst entfernt wurden, sorgen zusätzliche Fenster für Licht. Nur eine ehemalige Zelle weist noch die Original-Kreide-Strichliste auf, mit der die Insassen die Tage zählten, hier befindet sich heute die Sicherheits-Überdruck-Lüftungs-Anlage.
Das Amtsgericht an der Schädlerstraße 28 wurde 1908 als „Gerichtsgebäude mit Gefängnis“ nach Plänen von Paul Thömer erbaut. Damals war Barrierefreiheit noch kein Thema, ständig geht es vier, fünf Stufen treppauf, treppab. Längst sorgen Fahrstühle dafür, dass auch Menschen mit Handicap die Räumlichkeiten erreichen können. Nur der historische Haupteingang ist weiterhin nicht barrierefrei, doch ein Seiteneingang ermöglicht gegebenenfalls den Zugang ohne Stufen. 1960 entstand der erste Gerichtsanbau, der zweite folgte in den 70er Jahren, der dritte ist gerade fertig geworden.

Raumplanung - eine Herausforderung


„Es ist nicht leicht gewesen, eine vernünftige Raumplanung hinzubekommen. Ein normales Bürogebäude wäre einfacher gewesen“, erzählt Anna Voscherau. Viel war zu bedenken: Wer sitzt wo, wie sieht es mit Publikumsverkehr aus. Jetzt gibt es große barrierefreie Fläche im Erd- und Obergeschoss. Ein Teil der Möblierung wurde erneuert, der Rest konnte wiederverwendet werden. Die beiden weiteren angemieteten Gerichtsstandorte, das Familiengericht an der Schlossstraße 12 sowie das Betreuungsgericht an der Schlossstraße 8e, sind seit Anfang der Woche eingezogen. Die Entfernung zu den bisherigen Standorten, immerhin gut zehn Minuten zu Fuß, war sowohl für Rechtssuchende als auch für die Gerichtsorganisation sehr unbefriedigend, wie Anna Voscherau weiß. Nun können die Wachtmeister endlich ihre Transportfahrräder einmotten. 26 Büros gibt es in den neuen Gebäuden, außerdem drei Verhandlungsräume, darunter einer für Familienverhandlungen. „Bisher verhandelten die Richter in ihren Büros.“ Die Gesamtfläche beträgt etwa 6.600 Quadratmeter. Ende Mai soll die Einweihungsfeier für die 124 Mitarbeiter stattfinden, die sich über die Verbesserung der Arbeitsqualität durch die eineinhalbjährige Baumaßnahme freuen können. Und schließlich konnte das historische Gebäude nur Dank des Umbaus erhalten bleiben.
Amtsgerichtsdirektor Niels Focken ist äußerst zufrieden mit dem Umbau, der in enger Abstimmung mit dem Denkmalschutz erfolgte. Und auch Anna Voscherau zeigt sich „sehr begeistert“ von den Arbeiten: „Die Eigentümer, zwei private Investoren aus der Modebranche, haben das Gebäude mit Liebe denkmalgerecht saniert.

Strafsachen statt Gebet


„Der historische Bet- und Arbeitssaal war früher komplett verschandelt mit abgehängten Decken. Hier finden jetzt Strafsitzungen und Zwangsversteigerungen statt.“ Die Farbgestaltung entspreche dem Original. Als architektonischen Clou bezeichnet sie das Oberlicht auf den einstigen Gefängnisfluren, das dank Glasfeldern im Fußboden teilweise sogar den Keller erhellt.
Zunächst über 15 Jahre läuft der Mietvertrag über das Objekt, das nun eine Ausstattung hat, „die die öffentliche Hand sich nie hätte leisten können“, wie Anna Voscherau unter anderem mit Blick auf die massiven Holztüren und die Kronleuchterlampen im Bet- und Arbeitssaalsaal sagt. Auch hier sind Sicht- und Schallschutzanforderungen berücksichtigt worden, und über die Akustik im Saal lässt sich nicht klagen: „Hier kann ohne Mikro verhandelt werden.“
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