Hamburg: Strom mit fremdem Geld bezahlt

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Der Stromzähler drehte sich nicht, doch Geld floß Fotos: thinkstock

Alte Dame mit Konto-Trick abgezockt. Gericht spricht Angeklagte frei – doch der Fall geht weiter

Von Martin Jenssen
Hamburg. Helga S. (72) verstand die Welt nicht mehr. Immer wieder buchte der Stromkonzern Vattenfall große Summen von ihrem Konto ab. Im Januar des vergangen Jahres waren es 385 Euro, im Februar 235 Euro und so weiter und so weiter. Insgesamt kassierte der Stromkonzern über 2400 Euro von der alten Dame. „Ich habe das nie verstanden“, erklärte Helga S. als Zeugin vor dem Amtsgericht Wandsbek. „Ich habe meinen Strom doch von RWE bezogen!“
Auf der Anklagebank
saß derweil die Altenpflegerin Christina J. (23)
aus Rahlstedt. Der Strom, den die alte Dame bezahlt hatte, war zum großen Teil in ihre Wohnung geflossen.
Und die Rechnungen der Angeklagten waren deshalb so hoch, weil Vattenfall ihr am 3. Januar
2013 das Licht ausgeknipst hatte. Ein Jahr lang hatte die junge Frau den Strom nicht bezahlt.
So waren hohe Schulden angelaufen. Zwei Tage später brannte das Licht jedoch bei Christina J. schon wieder– obwohl sie ihre Stromrechnung nicht selbst bezahlt hatte. Die auf der Anklagebank sitzende junge Frau war sich deshalb auch keiner Schuld bewusst. „Ich kenne die Zeugin nicht“, beteuerte sie. „Außerdem bin ich Altenpflegerin. Ich weiß, wie schwer es alte Menschen haben. So etwas würde ich doch einer alten Frau niemals antun!“
Ein Ahnung hatte die Angeklagte aber schon, wer dahinter stecken könnte. Vor Gericht erklärte sie: „Als ich damals so in der Klemme steckte und meine Stromrechnung nicht bezahlen konnte, kam meine Mama zu mir und meinte, ich solle mir keine Sorgen machen, sie würde das für mich regeln.“
Und die Angeklagte ahnte wohl auch,
dass es bei der Schuldenbegleichung nicht so ganz mit rechten Dingen zugegangen war. Der Richterin bekannte sie: „Manchmal spielen meine Mutter und ihr Freund Ralf ein bisschen Bonnie und Clyde.“
Vollständige Aufklärung brachte dann die Aussage von Silvia S. (52), der Mutter der Angeklagten.
Ihr Freund Ralf ist der Sohn der betrogenen Rentnerin. Silvia S. bekannte dem Gericht: „Ja, ich habe bei Vattenfall angerufen und dem Konzern die Kontonummer von Ralfs Mutter gegeben.
Sie sollten die Stromkosten meiner Tochter von ihrem Konto abbuchen. Die Kontonummer seiner Mutter hatte mir Ralf gegeben. Meine Tochter hatte damals große finanzielle Schwierigkeiten. Ich wollte ihr helfen.“ Allerdings half Silvia S. auch sich selbst.
Teile ihrer eigenen Stromkosten wurden ebenfalls von dem Konto der alten Dame abgebucht.
Nach ihrer Aussage entschuldigte sich Silvia S. artig bei
der Mutter ihres Lebensgefährten und bat sie um Vergebung. „Ja, ich verzeihe dir“, erklärte Helga S., drohte dann ihrer Schwiegertochter in spe aber mit dem Zeigefinger und donnerte: „Das machst du nie, nie wieder!“
Ergebnis der Verhandlung: Freispruch für die junge Angeklagte. Dafür muss nun ihre Mutter Silvia demnächst mit Post von der Staatsanwaltschaft rechnen.
In der Urteilsbegründung erklärte die Richterin: „Ein wenig nachdenklich macht es einen ja doch, dass man nur eine gültige Kontonummer angeben muss, und dann wird von diesem Konto das Geld für eine fremde Stromrechnung fröhlich abgebucht!“ (je)
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