Hamburger Mini-Paradies für wenig Geld

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„Für mich ein Paradies!“ Stolz zeigt Artur Dambrowski (l.) dem Besucher Dirk Sielmann seinen gepflegten Kleingarten in Farmsen Foto: Jenssen
 
Frühling in der Kleingartenanlage am Tegelweg. Die breiten Wege laden zum Spaziergang ein

In Farmsen und anderswo: Kleingartenbewegung feiert 200. Jubiläum

Von Martin Jenssen
Hamburg. In diesem Jahr dürfen sich alle Schrebergärtner eine Wurst mehr auf den Grill legen und ein zusätzliches Bier einschenken. Die Kleingartenbewegung feiert im April ihren 200sten Geburtstag.
Die ersten Gärten wurden in Kappeln an der Schlei gegründet. Der Kappelner Pastor Christian Friedrich Heinrich Schröder (1744 – 1818) gilt als Begründer des vereinsmäßig organisierten Kleingarten-wesens. Die Kappelner hatten in der Stadt keinen Platz und waren deshalb an Land interessiert, um Obst und
Gemüse zur Selbstversorgung anzubauen. Im April 1814 stellte der Pastor ihnen 24 Parzellen mit einer Fläche von durchschnittlich 1000 Quadratmetern zur Verfügung. Weil der Pastor zu faul war, 24 Pachtverträge auszufüllen, schloss er einen Vertrag mit der Gemeinschaft der Gärtner. Der erste Kleingartenverein war so geboren. Die Anlage heißt „Reeperbahn“ und existiert heute noch. Früher mal als „spießig“ verschrien, sind Schrebergärten heute wieder „in“. „Die Nachfrage ist so groß, wie schon lange nicht mehr,“ sagt Dirk Sielmann, Vorsitzender des Landesbundes der Gartenfreunde in Hamburg. Anfang März hatte der Verein eine kleine Anzahl von Kleingärten neu ausgeschrieben. Sielmann: „Nach dieser Bekanntgabe standen unsere Telefone nicht mehr still. Über 150 Familien stehen inzwischen auf der Warteliste für einen freien Kleingartenplatz. In der Stadt zu gärtnern, ist modern geworden.“
Doch der große Bestand an Kleingärten in der Innenstadt ist ständig in Gefahr. Hamburg braucht Platz für neue Wohngebiete. Viele Bauunternehmen schauen begehrlich nach den Flächen der Gartenkolonien. Der Stadt gehören 98 Prozent der Kleingartenflächen. Auch der Senat möchte neue Wohngebiete ausweisen.
Sielmann will um jede Grünfläche kämpfen. Er sagt: „Gerade weil zur Zeit viele Familien vom Land in kleine Etagenwohnungen in der Stadt ziehen, sind die Kleingärten so wichtig. Das Kleingartenwesen ist eine soziale Einrichtung. Die Menschen wollen nach Feierabend oder am Wochenende die Etagenwohnungen verlassen, um schnell ins Grüne zu gelangen. Vor allem aber sind die Gärten ein wichtiges Erholungsgebiet für die Kinder.“
Der Name „Schrebergarten“ erinnert an den Arzt Daniel Gottlieb Moritz Schreber (1808-1861), der für seine Zeit die revolutionäre Forderung nach Spielplätzen stellte, um die Kinder von den Straßen zu holen.
In Hamburg gibt es heute auf einer eine Fläche von 14 Millionen Quadratmetern etwa 34.000 Schrebergärten, die von rund 45.000 Mitgliedern aus 311 Vereinen beackert werden. Die meisten Kleingärtner (8950) der Hansestadt leben im Bezirk Wandsbek. Dort gibt es 71 Kleingartenvereine mit rund 7200 Parzellen. Hamburgs größter Kleingartenverein liegt in der Horner Marsch. Mit fast 960 Parzellen ist der Verein „Horner Marsch“ auch einer der größten Kleingartenvereine Europas.
Der Preis für einen Garten ist in Hamburg günstig. An Pacht und Mitgliedsbeitrag für eine Fläche von 300 qm zahlt ein Kleingärtner rund 300 Euro im Jahr. Eine neue Laube kostet 10.000 Euro. Familien, die nicht über viel Geld verfügen, können ihre Hütte durch einen „Laubensozialprogramm“ in monatlichen Raten abzahlen. „Für viele Menschen, die sich keinen Urlaub leisten können, ist der Kleingarten auch der Ort, an dem sie ihren Urlaub verbringen“, sagt Sielmann.
Nicht nur die Gärtner, die mitten in der Stadt Gemüse, Blumen und Obst anbauen, profitieren von den Kleingärten. In früheren Jahren schotteten sich die Kleingärtner ab. Inzwischen aber werden die Anlagen gerne von Spaziergängern und Radfahren genutzt. Sielmann: „Wir bemühen uns, für alle Erholungssuchenden breite Wege anzulegen“.

Generationswechsel

Im Moment stehen die Chancen ganz gut, an einen Kleingarten zu kommen. Durch den Bau der City Nord wurden in den 60er Jahren 1850 Gärten abgerissen. Dafür mussten neue Plätze angelegt werden. Viele Gartenfreunde, die damals einen Kleingarten bekamen, geben jetzt altersbedingt ihre Anlage auf. „Derzeit findet ein Generationenwechsel satt“, sagt Sielmann. „Durch die nachrückenden Generationen vollzieht sich der demografische Wandel auch im Kleingartenverein.“ Auch die Struktur der Gärten ändern sich. Sielmann: „Artenvielfalt, stadtklimatische Funktion, Erholung und Integration sind Stichworte, die heute den Wert der Kleingärten für die Gesellschaft ausmachen.“ Für die vielen Menschen, die aus Osteuropa nach Hamburg kamen, erklärt der aus Polen stammende Artur Dambrowski (50) die Bedeutung der Kleingärten. Dambrowski: „Immer nur in der Bude sitzen, das kann ich nicht. Wenn ich keinen Garten hätte,wäre ich depressiv. So aber bin ich im Paradies.“ Stolz weist Dambrowski, der Mitglied im Verein Farmsen Tegelweg ist, auf den von ihm gepflegten Garten, in dem Obst, Gemüse und Blumen bald wieder üppig sprießen werden. Und der Kleingärtner ist sicher: „In meinem Garten wachsen die schönsten Pfirsiche Europas.“ (Je)
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