Hamburger ZeitZeugen

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Lore Bünger engagiert sich für die ZeitZeugenBörse. Foto: Christa Möller
 
Ihr Großvater Heinrich Buchner (1871 – 1946) war Sozialdemokrat und kam deshalb ins KZ Fuhlsbüttel. Foto: privat

„Sie fragen. Wir antworten. Noch!“

Von Christa Möller
Farmsen. Unter obigem Motto engagieren sich Senioren in der ZeitZeugenBörse im Seniorenbüro Hamburg (t 30 39 95 07 oder www.seniorenbuero-hamburg.de) und berichten beispielsweise über ihre Erlebnisse während des Nationalsozialismus oder über den Mauerbau und die 68er Jahre. ZeitZeugin Lore Bünger, geboren 1923, hatte eine glückliche Kindheit, aber „ich habe immer gespürt, dass wir nicht dazu gehören.“ Wie die meisten anderen Mädchen wollte auch sie dem BDM, dem Bund Deutscher Mädchen, beitreten, doch das verbot die Mutter mit der vorgeschobenen Begründung „ die poussieren nur am Bahnhof mit den Jungs rum.“ Ihre Eltern waren sehr vorsichtig mit Äußerungen über das Regime und reagierten beispielsweise erschreckt auf die Bemerkung einer Tante aus Amerika: „Ihr mit Eurem verrückten Hitler…“
Ihr Großvater Heinrich Buchner war Bürgermeister von Farmsen (etwa von 1929 bis 1933) und hatte dort vor 1933 unter anderem jährlich eine Gartenbauausstellung organisiert. Gleich nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933 wurde ihm sein sozialdemokratisches Engagement vorgeworfen und er kam ins Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Das jedoch erfuhr die Enkelin erst nach dem Krieg. Ihr Onkel hatte mit Hilfe eines Rechtsanwalts nach einigen Wochen die Freilassung des damals bereits 62-Jährigen, dem nun der Besitz eines Radios verboten war, erreicht. Über seine Erlebnisse in der Haft durfte er nichts erzählen, denn dann wäre die ganze Familie verhaftet worden“, wie die Enkelin später hörte. Mit den sozialdemokratischen Freunden traf er sich nicht mehr, „er verhielt sich ruhig“ und wurde nicht wieder behelligt.
Heute erinnert ein Straßenname in Farmsen an ihn.
Lore Büngers Vater hatte ein Baugeschäft, „er hat fünf Schulen und eine Siedlung in Berne gebaut für die Stadt, aber danach kriegte er keine Aufträge mehr, es ging bergab mit dem Geschäft. „Er war vollkommen unpolitisch, trat dann aber doch in die Partei ein.“ Erst nach dem Krieg fiel Lore Bünger auf, dass die Familie keine Hakenkreuzfahne besaß. Zum 1. Mai war einmal angeordnet worden, dass ein Lastwagen des Baugeschäftes für den Festumzug zur Verfügung gestellt wird. „Als wir zurückkamen, der Wagen war mit Girlanden und Hakenkreuzfahnen geschmückt, was ich toll fand, riss meine Mutter die Fahnen ab.“ Warum, das verstand die Tochter erst viel später…
1939, Lore Bünger war 16 Jahre alt, ließen sich die Eltern scheiden, die Mutter zog mit Lore nach Altona und Lore musste ein Pflichtjahr in einer Großhandelsschule machen. In Altona erlebte sie im Hochbunker die „Operation Gomorrha“, die Bombenangriffe im Juli 1943. „Ich habe Glück gehabt, dass ich noch mit meiner Großmutter in den Bunker gekommen bin und dass wir nicht ausgebombt sind. Aber die meterdicken Bunkerwände haben geschwankt und als wir endlich wieder raus durften, war der Himmel voller schwarzer Wolken. Meine blonden Haare waren schwarz. Ein Haus brannte, ich habe noch mit gelöscht, bis kein Wasser mehr kam.“
Dass Lore Bünger ihre Erinnerungen rekonstruiert und aufgeschrieben hat, ist den Zeitzeugen zu verdanken. Insgesamt fünfzehn Senioren erzählen als ZeitZeugen 14- bis 16jährigen Schülern im Geschichtsunterricht von ihren Erlebnissen und stellen sich der Diskussion. „Im Anschluss an die vorgesehenen zwei Unterrichtsstunden sitzen wir manchmal noch zwanzig Minuten länger dort, weil die Schüler so begeistert zuhören und fragen“, freut sie sich über das Interesse der Jugendlichen. Sie möchte den Schülern deutlich machen, dass sie das Glück haben, sich heute viel besser auch über politische Richtungen zu informieren und „eine Demokratie, wie wir sie haben, schätzen, dass wir nicht wieder in eine solche Zwangslage manövriert werden, die einem die Freiheit der offenen Meinung nimmt.“
Ihr Sohn und ihre Tochter sind in der Landwirtschaft aktiv. „Wir sind grün, grüner geht’s nicht“, sagt Lore Bünger, die während ihrer Berufstätigkeit zuletzt als Abteilungsleiterin in einer Reederei gearbeitet hat und immer noch gern am Computer aktiv ist. Außerdem „pflege ich Freundschaften und Verwandtschaft, das hält jung.“

Am Dienstag, 19. Juni, stellt sich die Hamburger ZeitZeugenBörse in der Gedenkstätte Fuhlsbüttel vor. Um 15 Uhr beginnt der Vortrag, an dem auch Lore Bünger teilnimmt. Infos unter www.kz-gedenkstaette-neuengamme.de
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