„Ich kann mit so wenig so viel geben“

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Ursula Fischelsohn (70) ist eine von 30 ehrenamtlichen Helfern, die für die Hamburger Blindenstiftung tätig sind Foto: wb

Ursula Fischelsohn kümmert sich um blinde und sehbehinderte Senioren

Wandsbek. Anfang Mai fand im Senator-Ernst-Weiß-Haus der Hamburger Blindenstiftung ein Festessen zu Ehren der freiwilligen Helfer in Hamburgs größter Wohnpflegeanlage für blinde, sehbehinderte und demenziell erkrankte Senioren statt. Ursula Fischelsohn (70) ist eine der 30 ehrenamtlichen Mitarbeiter, die derzeit für die 132 Senioren des Hauses tätig sind. Seit fünf Jahren ergänzt sie die Arbeit des festen Personals. In einem Interview mit dem WochenBlatt erzählt sie von ihrem Engagement bei der Hamburger Blindenstiftung.

Frau Fischelsohn, wie sind Sie zu Ihrem Ehrenamt gekommen?
Ursula Fischelsohn: Ich habe vor fünf Jahren die Hamburger Aktivoli-Freiwilligenbörse in der Handelskammer besucht und bin dort auf die Möglichkeit der ehrenamtlichen Mitarbeit im Senator-Ernst-Weiß-Haus aufmerksam geworden.

War die Suche eine bewusste Entscheidung?
Fischelsohn: Im November 2006 hatten wir einen schweren Autounfall, mein Mann und ich. Er sollte nach dem Krankenhaus in eine Pflegeeinrichtung. Das kam für mich nicht in Frage. Ich habe ihn bis zu seinem Tod zu Hause gepflegt und erlebt, dass dieses gemeinsame Abschiednehmen ein „Geschenk“ für uns beide war. Das wollte ich weitergeben.

Sind persönliche Erfahrungen Voraussetzung für die ehrenamtliche Mitarbeit?
Fischelsohn: Nein. Alle angehenden ehrenamtlichen Mitarbeiter werden zu Beginn für die Aufgabe geschult. Ich denke, dass es eher auf Qualitäten ankommt, wie sich in jemand anderen hineinversetzen, intensiv zuhören und Intimität wahren zu können. Wahrscheinlich kann ich das gut, weil ich in meinem Berufsleben als Personalchefin viele persönliche Gespräche geführt habe. Vielleicht ist es auch die Zufriedenheit, die ich geben kann, weil ich selbst zufrieden bin.

Was genau tun Sie bei Ihren ehrenamtlichen Einsätzen?
Fischelsohn: Ich betreue eine mir von der Einrichtungsleitung empfohlene Seniorin oder einen Senior, begleite sie/ihn bei Spaziergängen im Duft- und Tastgarten des Hauses oder bei Ausflügen, führe Gespräche. Seit einiger Zeit begleite ich zudem hin und wieder das gemeinsame Frühstück und Abendbrot einer Bewohnergruppe des Hauses.

Was schätzen Sie besonders an Ihrem Ehrenamt?
Fischelsohn: Ich kann mit so wenig so viel dort geben. Manchmal entwickelt sich auch eine enge Beziehung zwischen mir und den zu betreuenden Personen. Dabei sind die einzelnen Erlebnisse so vielfältig wie die Lebenswege und Geschichten der Personen, die sich mir anvertrauen, – bunt wie das Leben und niemals langweilig.
Über drei Jahre – bis zum Tod – habe ich einen blinden Senioren betreut, der früher Jurist war. Mit ihm hatte ich – trotz seiner extremen Schwerhörigkeit – intensive Gespräche über unsere Sprache und Geschichte. Mich hat sein ausgezeichnetes Gedächtnis fasziniert, das ihm half, sein fehlendes Augenlicht zu kompensieren.

Ist die Tätigkeit nicht manchmal auch sehr anstrengend?
Fischelsohn: Bei der Hamburger Blindenstiftung wird man als ehrenamtlicher Helfer nie allein gelassen: Die Zusammenarbeit mit dem Personal des Hauses läuft „wie selbstverständlich“. Wir Ehrenamtlichen können an Fortbildungen teilnehmen und treffen uns regelmäßig mit der Einrichtungsleitung, um Erfahrungen auszutauschen, uns gegenseitig Tipps zu geben.

Bereiten Sie sich auf Ihre Einsätze vor?
Fischelsohn: In der Tat ist es so, dass ich mich auf jeden Einsatz ganz bewusst vorbereite. Mental. Wenn ich meine Anwesenheit gleich für morgens in der Frühe zugesagt habe, dann stehe ich um Viertel nach fünf auf. Nicht weil ich so eine weite Anfahrt habe – ich wohne nur zehn Minuten mit dem Auto vom Senator-Ernst-Weiß-Haus entfernt –, sondern damit ich ein ausgiebiges Frühstück genießen kann, in aller Ruhe und bei gedämpfter Musik – und erst dann geht es los. Damit ich in mir ruhen kann, wenn ich anderen begegne, die meine Anwesenheit brauchen. (wb)

Die Hamburger Blindenstiftung (HBS) wurde 1830 gegründet. Heute beschäftigt sie über 140 Mitarbeiter in der Betreuung, Förderung, Beratung, Pflege und Versorgung blinder und sehbehinderter Menschen. Interessenten an einem Ehrenamt wenden sich an das Senator-Ernst-Weiß-Haus, P. Koalick, t 6906-0, E-Mail: p.koalick@blindenstiftung.de
www.blindenstiftung.de
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