Junge, hier gibt‘s Arbeit!

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Bunte Truppe: Sandra Bauer (Bezirk), Corinna Behrendt (Berufsberatung), Holger Krohne (JobCenter) und Matthias Quaeschning (HIBB, v.l.) vor dem Graffiti im Wartebereich der Wandsbeker Jugendberufsagentur
 
Max, 21, ist von der neuen Beratungsstelle überzeugt. Er hofft auf eine schnelle Vermittlung Foto: bez

Neu: Jugendberufsagentur Wandsbek. Das Wochenblatt war schon da

Von Malte Betz
Wandsbek. Die attraktive Brünette, die im Eingangsbereich so sympathisch lächelt und jedem Besucher ihren hoch gerichteten Daumen entgegenstreckt, wird von den Elektrikern nicht beachtet. Die beiden Männer haben nur Augen für Steckdosen und Schalter, die sie noch einsetzen müssen. Nebenan wird der Fußboden versiegelt. Die Maler sind schon fast fertig. Seit Wochen arbeiten die Handwerker im zweiten Stock des Bürohauses am Friedrich-Ebert-Damm 160. Auf der frisch renovierten Büroetage eröffnet am Montag die Jugendberufsagentur-Wandsbek ihre fabrikneuen Türen. Es ist die sechste Einrichtung dieser Art in Hamburg. Und wie in den bisherigen fünf ziert auch hier ein wandgroßes Graffiti den Eingangsbereich. Das Motiv mit der strahlenden Brünetten durften sich die zukünftigen Mitarbeiter selbst aussuchen.
Die Jugendberufsagentur (JBA) wird die einzige zuständige Stelle für alle Wandsbeker Jugendlichen bis zum 25. Lebensjahr, die aus der Sekundarstufe I heraus (bis 10. Klasse) die Schule verlassen und einen Ausbildungsplatz suchen. Zudem gibt es auch Hilfe bei Schwierigkeiten in bestehenden Ausbildungsverhältnissen. „Wir schaffen mit den Jugendberufsagenturen keine weitere Behörde, sondern bündeln alle wichtigen Anlaufstellen für die Jugendlichen an einem einzigen Ort, direkt Tür an Tür“, erklärt Knut Böhrnsen, Pressesprecher der Agentur für Arbeit, den Kerngedanken des Agentur-Konzepts. Rund 60 Beamte und Angestellte werden sich zukünftig in den hellen Büros um Wandsbeker Jugendliche
Die Mitarbeiter kommen aus dem JobCenter, der Berufsberatung der Agentur für Arbeit, dem Hamburger Institut für berufliche Bildung (HIBB, zuständig für Berufsschulen und Schulaufsicht) sowie aus der Bezirksverwaltung Wandsbek. Eine behördliche Kooperation wie die in den Hamburger Bezirken ist bundesweit einmalig.
Zentrale Ausgangsbasis für die Arbeit der JBA ist die Erfassung der Wandsbeker Jugendlichen bereits während ihrer Schulzeit. „Das geschieht auf freiwilliger Basis, in Form einer Einverständniserklärung“, erklärt Matthias Quaeschning vom HIBB. Was dann folgt sei die „Aktive Betreuung“: Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz haben, werden angeschrieben und ihnen wird die Hilfe der Jugendberufsagentur angeboten. „Zwingen können wir niemanden, aber sanft auf die Füße treten“, sagt Quaeschning. „Es soll halt niemand später sagen können, er habe nichts von unserer Hilfe gewusst.“
Wechselnde Berufsberater
Max hat von der Existenz der JBA bis vor kurzem noch nichts gewusst. Der 21-jährige Rahlstedter mit Hauptschulabschluss ist arbeitslos, sucht seit Jahren einen Ausbildungsplatz. „Ohne in den Unterlagen nachzugucken kann ich nicht genau sagen, bei welchen Behörden ich immer bin und wofür die im einzelnen zuständig sind“, erzählt er
dem WochenBlatt. „Norderstraße, Kurt-Schumacher-Allee und da war noch ´ne dritte Stelle, wo ich auch mal hin musste“, versucht er aufzuzählen. Dabei sei der Behördenwirrwarr gar nicht das größte Problem, findet er. Frustrierend sei gewesen, dass die Stellen untereinander wohl kaum kommunizierten. „Der eine wusste oft nicht, was ich mit dem anderen schon Wochen zuvor besprochen hatte.“ Ohne seine Mutter, sagt Max, hätte er Anträge, Formulare und Behördengänge nicht in den Griff bekommen. Sein zuständiger Berufsberater hat inzwischen schon mehrfach gewechselt. „Jetzt bin ich bei Frau Behrendt, die ist echt in Ordnung“, findet Max.
Schlechte Note und einseitige Berufswünsche
Corinna Behrendt ist eine von 13 Berufsberatern, die ab Montag in der neuen Jugendberufsagentur ihr Büro haben wird. Ihr Auftreten versprüht etwas Optimistisches: „Für Max finden wir etwas. Da bin ich mir sicher“, sagt sie. Regelmäßig schickt sie dem jungen Mann Angebote, auf die er sich bewirbt.
Für Max spricht schon mal, dass er kein Kfz-Mechatroniker werden will. Denn dieser Ausbildungsberuf gehört nach den Worten Behrendts zu den Rennern bei jungen Männern in Wandsbek. „Die Konzentration auf sehr wenige Ausbildungsberufe ist, neben schlechten schulischen Leistungen, eins der Probleme bei der Jugendarbeitslosigkeit“, sagt Behrendt. Es gebe in Hamburg knapp 340 Ausbildungsberufe. „Viele Wünsche konzentrieren sich allerdings auf acht bis zehn davon, inklusive Frisörin und den Kfz-Bereich.“ Dann holt sie ihre „Exoten-Liste“ raus, auf der selbst eine Ausbildung zum Segelmacher steht. „Deshalb ist eine frühstmögliche Berufsorientierung so wichtig“, ergänzt der zukünftige Flurnachbar Matthias Quaeschning. Kaum etwas sei wichtiger im Leben als die richtige Berufswahl. Mit dem Beginn des achten Schuljahrs startet die Berufsberatung in Wandsbeker Schulen.
Max will Fachkraft in der Lagerlogistik werden. Drei Jahre dauert die Ausbildung. „Hochbau fand ich auch toll“, sagt er. „Aber nur bis ich mal ein Praktikum bei einem Gerüstbauer gemacht habe. Da habe ich festgestellt: Ich bin nicht schwindelfrei.“ Zehn Praktika habe er mittlerweile absolviert, vom Klempner bis zum Garten- und Landschaftsbau. „Klar ist das frustrierend wenn es danach nicht weitergeht oder ich einfach wieder eine Absage auf eine Bewerbung bekomme.“ Ein elftes Praktikum zu machen, das werde ihm sicherlich schwer fallen. Fünf Bewerbungen um einen Ausbildungsplatz habe er aktuell ausstehen, vermittelt von Frau Behrendt. Insgesamt seien es schon über 50. Einmal habe er im Maschinenbau eine Ausbildungsstelle gefunden. „Aber da wurde viel geklaut, kaum gearbeitet und dem Ausbilder war alles egal“, erzählt er. Als dann noch Mobbing dazugekommen sei, habe er aufgehört. „Heute denke ich: Hätte ich mal bloß durchgehalten.“ Schuld an seiner jetzigen Situation sei vor allem er selber, glaubt Max. „Ich bin bei Bewerbungsgesprächen immer total nervös. Vielleicht liegt es daran.“
4600 Jugendliche ohne Arbeit
4600 arbeitsfähige Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 15 und 24 Jahren aus Wandsbek beziehen Arbeitslosengeld II, auch ‚Hartz IV‘ genannt. „Das ist eine erschreckende Zahl“, sagt Holger Krohne, vom zuständigen JobCenter, der ebenfalls mit 37 Kollegen in die Räume der JBA einzieht. Er kennt die Zahl auswendig. Er wirkt nicht so grundoptimistisch wie seine JBA-Kollegin Behrendt. Nicht alle Betroffene seien so aufgeweckt und willensstark wie Max. „Es gibt Jugendliche, die müssen erstmal an den grundlegenden Voraussetzungen für ein Berufsleben arbeiten“, sagt Krohne. Nicht wenige müssten lernen, pünktlich und ausgeschlafen aufzustehen und ordentlich zu frühstücken. „Anderen fehlt die realistische Einschätzung für die Anforderungen am Arbeitsmarkt.“ Dass jemand glaubt, mit einem Hauptschulabschluss bei Airbus als Ingenieur anfangen zu können, sei kein Einzelfall.
Weltweites Vorzeige-Projekt
„Egal welcher Art die Probleme der Jugendlichen rund um das Thema Ausbildung sind, hinter einer unserer Türen sitzt jetzt immer der richtige Ansprechpartner“, sagt Frau Behrendt. Nie gab es so viele Unterstützungsmöglichkeiten für Jugendliche unter einem Dach.
Das Konzept, Mitarbeiter verschiedener Behörden Tisch an Tisch nebeneinander zu setzen, um Jugendlichen effizienter und einfacher bei Ausbildungsthemen zu helfen, stößt weltweit auf Interesse. Bei der JBA in Harburg ging schon eine Anfrage aus Toronto (Kanada) ein. Delegationen aus den Niederlanden und Schweden waren bereits vor Ort. Im Dezember wird die siebte und letzte Hamburger JBA im Bezirk Bergedorf eröffnet. (bez)
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