„Oft auch Elternersatz“

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Janine Henke und Ralf Mehnert von der Straßensozialarbeit Rahlstedt Foto: Christa Möller

Straßensozialarbeit Rahlstedt hilft jungen Menschen in schwierigen Lebenssituationen

Von Christa Möller
Rahlstedt
Ihr Einsatzgebiet liegt in Großlohe, Rahlstedt-Ost und Hohenhorst. Die Straßensozialarbeit Rahlstedt, kurz Straso, unterstützt seit 35 Jahren Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, organisiert aber auch Feste und Sportangebote sowie Reisen. Träger ist Streetlife. Büro und Gehälter werden durch städtische Gelder finanziert, für Projekte muss die Straßensozialarbeit, die alle fünf Jahre eine Broschüre über ihre Arbeit herausgibt, Spenden aquirieren.
„Übers Jahr haben wir Kontakt zu 8.000 bis 10.000 Personen“, sagt Diplom-Straßensozialarbeiter Ralf Mehnert. Gemeinsam mit seinen Kollegen Rafael Velazquez (50) und Janine Henke (32) steht der 44-Jährige für etwa 1.500 jungen Menschen jährlich als Anlaufstelle in Krisensituationen bereit. „Alles, was wir anbieten, ist freiwillig. Es ist wichtig, Bindungen aufzubauen, die über Jahre belastungsfähig sind. Für viele sind wir Elternersatz“, weiß Mehnert. Jeden Dienstag ab 17 Uhr stehen externe Kräfte den Jugendlichen für eine Rechtsberatung und ab 19 Uhr für eine Sozialberatung zur Verfügung, beides ist kostenlos.

Gut vernetzt


Im Büro an der Rahlstedter Bahnhofstraße 7 laufen überwiegend Einzelfallhilfen. Wohnungslosigkeit, Arbeits- und Perspektivlosigkeit, Drogenmissbrauch, Probleme mit Ämtern, sexueller Missbrauch, Gewalt in Familien: „Wir haben es mit jungen Leuten zu tun, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens aufgewachsen sind.“ Die Straso sorgt für Begleitung zur Polizei, zu Ämtern oder Jugendgerichtsverhandlungen, regeln Krankenversicherung, helfen, den Sozialversicherungsausweis zu bestellen oder Hartz IV zu beantragen. „Das schaffen die jungen Leute nicht, weil sie einfach nicht wissen, wie es funktioniert.“ Und auch von Abschiebung bedrohte Jugendliche aus Montenegro und Serbien finden hier Hilfe.
Montags bis donnerstags zwischen 14 und 17 Uhr sind die offiziellen Sprechzeiten der Straßensozialarbeit in Rahlstedt. Zum Thema geregelte Arbeitszeiten sagt Mehnert: „Man muss flexibel sein. Die Kollegen sind ab 10 Uhr hier, meist bis open End.“ Ein wichtiger Aspekt der Straso ist der Kontakt zu Jugendlichen auf der Straße, etwa am Berliner Platz in Hohenhorst oder auf dem Rewe-Parkplatz in Großlohe. Für die Straßensozialarbeit sei Vernetzung ein ganz großes Thema, sie ist in sämtlichen Stadtteilgremien vertreten und in den Arbeitsgemeinschaften Mädchenarbeit, Jungenarbeit sowie dem Netzwerktreffen Rahlstedt.

Schlupfloch für junge Wohnungslose


Zwischen 40 und 70 junge Leute seien im Bezirk wohnungslos. „Sie sind mit 16, 17 zuhause rausgeflogen oder haben freiwillig die elterliche Wohnung verlassen, weil es Konflikte gibt, kommen dann bei Freunden und Verwandten unter oder haben andauernd wechselnde Übernachtungsmöglichkeiten.“ Mit Glück ist etwas in den „Schlupflöchern“ frei, einem weiteren Projekt unter dem Dach von Streetlife, aber „das ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, weiß Mehnert. Drei Gästewohnungen, je eine mit drei Plätzen für Jungs beziehungsweise Mädchen und eine mit vier Plätzen für Mädchen und Jungs ab 18 Jahren gibt es seit 1999. Ziel ist immer und gerade bei den Jüngeren, die Rückführung zu den Familien und ein für beide akzeptables Regelwerk aufzubauen, wie er betont.
Wichtig: „Wer bei uns wohnt, muss auch was machen“, hebt er mit Blick auf Schulbesuch, Ausbildung oder Arbeit hervor. Die durchschnittliche Verweildauer lag ursprünglich bei drei bis sechs Wochen und höchstens bei drei Monaten. Jetzt können schon mal bis zu zwei Jahre vergehen, bis es gelingt, die Jugendlichen in eigenen Wohnraum zu vermitteln, „da es einfach keine günstigen kleinen Wohnungen gibt, die frei stehen.“

Berufliche Qualifzierung


Mit „Jugend aktiv plus“ bietet Streetlife in Wandsbek drei Projekte zur beruflichen Orientierung und Integration für junge Menschen an, die Startschwierigkeiten haben, eines davon in Rahlstedt. Hier konnten in diesem Jahr fünfzehn junge Leute in Ausbildung oder Arbeit vermittelt werden. Zum letzten Mal wird es im September die Berufsfindungsaktionstage geben, die die Straßensozialarbeit gemeinsam mit der Christophorus-Kirchengemeinde seit fünfzehn Jahren für Mädchen und seit zehn Jahren für Jungen anbietet. Ziel ist, den Siebtklässlern an zwei Tagen theoretisch und praktisch Berufsperspektiven aufzuzeigen. So konnten jährlich zwischen 30 und 60 Haupt- und Förderschüler in Ausbildung gebracht werden. Im Laufe der Jahre bekamen über 700 Jungs sowie über eintausend Mädchen Einblick in verschiedene Berufe. Jetzt jedoch muss der Jugendhilfeausschuss aufgrund anderer Prioritäten die finanzielle Förderung einstellen. Das bedeutet das Ende für die Berufsfindungsaktionstage.
In Hohenhorst an der Potsdamer Straße 4a hat die Straso Rahlstedt mit dem Trollhaus seit 1999 eine kleine Dependance, in der ein regelmäßiges Programm läuft. Dazu zählen das Jungscafé und das Mädchencafé von Streetlife. Der 150 Quadratmeter große Neubau ist im Mai eröffnet worden. Der freie Träger bietet außerdem „MBB Mitternachtssport“ an: In der Schule Kielkoppelstraße spielen junge Männer zwischen sechzehn und 27 jeden Freitag von 22.30 bis 2 Uhr Fußball – nach festen Regeln, ohne Schiedsrichter.

Nähere Infos zum Projekt gibt es direkt bei der Straßensozialarbeit Rahlstedt unter
77 20 27 oder im Internet unter www.streetlife.net
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