„See You“ hilft Familien in Hamburg

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Marvin-Adrian ist Typ-I-Diabetiker und hat seine Notfallausrüstung immer dabei Fotos: Christa Möller
 
Dr. Renate-Maria Hardenberg, Birgit Stamm und Nicole Jähnig

Stiftung unterstützt, wenn nach der Klinik-Zeit Alltag einkehrt

Von Christa Möller
Hamburg. Die Herbstferien in Bayern wird Marvin-Adrian aus Rahlstedt nicht so schnell vergessen: Fast jeden Morgen musste er sich übergeben, er fühlte sich schlecht, hatte viel Durst und war auf der Heimreise schon fast apathisch. Zurück in Hamburg fuhr ihn seine Mutter sofort ins Kinderkrankenhaus Wilhelmstift. Schnell stand die Diagnose fest: Diabetes mellitus, Typ I. Ein Schock für die Familie, die nicht wusste, was nun auf sie zukommt. Doch im Krankenhaus ging es dem Jungen schnell wieder besser. Seine Eltern sorgten sich allerdings darum, wie es weitergehen würde, waren sie doch im Umgang mit der Krankheit noch nicht so geübt. Für Fälle wie diese gibt es die kurzzeitige sozial-medizinische Nachsorge, deren Kosten die Krankenkassen aber vielfach nicht übernehmen. Marvin-Adrians Familie stellte einen entsprechenden Antrag, der postwendend abgelehnt wurde. „Wir haben Widerspruch eingelegt, aber daraufhin hat sich die Krankenkasse dann gar nicht mehr gemeldet“, sagt die Mutter.
Zum Glück für sie und viele andere Familien gibt es „See You“. Seit zehn Jahren bietet das katholische Kinderkrankenhaus Wilhelmstift als erste Kinderklinik in Norddeutschland für Familien mit Frühgeborenen oder kranken Neugeborenen sowie Familien mit Kindern, die an chronischen Erkrankungen leiden, die familienorientierte Nachsorge Hamburg „See You“ an.

Angebot schließt Versorgungslücke

Die Stiftung „See You“ unterstützt Familien dabei, ihre Stärken zu entdecken und die Hilfen zu erschließen, die sie benötigen, um ihr Leben selbstbestimmt und eigenverantwortlich gestalten zu können. Denn zwischen der hoch entwickelten Krankenhausmedizin und der Situation der Familien nach der Entlassung, zwischen stationärer und ambulanter Medizin, zwischen Gesundheits- und Jugendhilfe klaffen oftmals riesige Versorgungslücken. Nachsorgeärztin Dr. Renate Maria Hardenberg weiß: „Es gibt klare gesetzliche Regelungen, in welchen Fällen die Kassen zahlen, aber das umfasst nicht alle, die die Nachsorge brauchen.“ Dabei kann die Nachsorge, die als so genannte aufsuchende Hilfe immer im häuslichen Bereich stattfindet, den Klinikaufenthalt verkürzen und hat auch präventiven Charakter. Sie stabilisiert die Familien und kann helfen zu vermeiden, dass das Kind wieder ins Krankenhaus muss. Und „es ist nicht nur das rein Medizinische.“ Denn Hilfe gibt es auch bei Sprachbarrieren, bei der Suche nach einer Selbsthilfegruppe oder bei Problemen mit der Krankenkasse. Zum Nachsorge-Team von SeeYou gehören neben der Ärztin und sechs Nachsorgeschwestern auch eine Psychologin und eine Sozialpädagogin. Nicht nur Familien von Kindern, die im Wilhelmstift behandelt wurden, kommen in den Genuss der Nachsorge durch „See You“. Unter anderem gibt es eine Kooperation mit der Frühchenstation des Marienkrankenhauses. Im vergangenen Jahr konnte SeeYou 130 Familien helfen, „Tendenz steigend“, sagt Nicole Jähnig, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit der Stiftung.

Überleitung in den Alltag

„Egal, bei welcher Krankenkasse jemand versichert ist, wenn Nachsorge benötigt wird, machen wir das“, sagt Nachsorgeschwester Birgit Stamm. Die Diabetesberaterin und Case-Managerin betreut zur Zeit sechs Familien mit Kindern zwischen zwei und 15 Jahren. Sie präzisiert: „Unsere Aufgabe ist die Überleitung in den Alltag, in Hort oder Schule.“ Denn wenn die Eltern allein mit dem Kind zu Hause sind, fürchten sie häufig, nicht alles richtig zu machen, obwohl es beispielsweise in Marvin-Adrians Fall natürlich eine fachdiabetologische Betreuung gibt. Drei Monate lang stand Birgit Stamm der Familie von Marvin-Adrian bei, hat auch Erzieher und Lehrer beraten, die natürlich wissen müssen, worauf sie zu achten haben. „Es war sehr gut, dass sie das in der Schule übernommen hat“, sagt seine Mutter. „Nach zwei Wochen ist man da nicht so schnell drin, dass man das anderen erklären kann.“
„Es ist ganz wichtig, dass die Kinder ihr normales Leben weiterführen können“, weiß Dr. Renate Maria Hardenberg. Marvin-Adrian trinkt mehr Tee, isst weniger Süßigkeiten als früher. „Er ernährt sich gesünder, von sich aus“, freut sich die Mutter. Ihr Sohn lernte schnell, selbst seinen Blutzucker zu messen und Insulin zu spritzen. Aber für die Berechnung der notwendigen Einheiten des Medikaments ist er noch auf Hilfe angewiesen. Und die ist von vielen Faktoren abhängig, so spielt neben der Ernährung auch Bewegung eine Rolle. Längst erkennt der neunjährige Rahlstedter die ersten Anzeichen einer Unterzuckerung wie Zittern und Schwitzen. „Wenn es mir nicht gut geht, dann messe ich, und wenn der Blutzucker unter 60 ist, dann nehme ich Traubenzucker.“ Den hat der Viertklässler immer dabei, ebenso wie Messstreifen, Blutzuckermessgerät, Insulin und Spritzen.
Spenden werden dringend benötigt
Bei Kleinkindern dauert die Schulung länger, Eltern, aber auch Erzieher, müssen Blutzucker messen, alles berechnen, notfalls eine Insulinpumpe bedienen. „Ihnen diesbezügliche Ängste zu nehmen, das ist mein Job“, sagt Birgit Stamm, deren bislang jüngster Patient knapp ein Jahr alt war. Und Dr. Hardenberg ergänzt mit Blick auf Kindertagesstätten: „Wenn sie die Sicherheit bekommen, sind sie bereit, das Kind weiterhin zu betreuen.“ Allerdings sagt sie auch: „Uns sind die Hände gebunden, wenn wir nicht die Mittel haben.“
„Es sind 81.000 Euro, die uns im Jahr fehlen und die durch Spenden aufgefangen werden müssen“, erläutert Nicole Jähnig. Dazu tragen häufig Nachsorgeeltern oder Großeltern bei, die zufrieden waren. Weitere Spender werden dringend benötigt. „Auch über Firmen, die die Schirmherrschaft übernehmen möchten, würden wir uns freuen.“

Interessierte können sich im Internet unter seeyou-hamburg.de oder nach Anmeldung unter Tel.: 67 37 77 30 vor Ort näher über die Stiftungsarbeit informieren
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