Tschüs, Hausaufgaben!

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Larissa und Fabienne (beide 9, Klasse 3b) gehen gern in die Grundschule Traberweg und freuen sich auf die Nachmittage Foto: wb
 
Schulleiter Jörg Behnken (59) ist überzeugt von dem Konzept Foto: wb

Grundschule Traberweg mit neuem Nachmittagskonzept. Schüler deutlich entspannter

Von Mathias Sichting
Farmsen
Eine Schule ohne Hausaufgaben? Was ungewöhnlich klingt, ist in Farmsen-Berne Realität. Die Grundschule Traberweg hat ein neues Nachmittagskonzept für die erste bis dritte Klasse eingeführt. Selbstbestimmung und Eigenverantwortung sind die Hauptschlagworte. Die Schulkinder bekommen keine Hausaufgaben mehr auf, feste Hausaufgabenzeiten während der Ganztagsbetreuung entfallen am Nachmittag. Die Grundschüler gewinnen Zeit für sich und entscheiden selbständig, welche Angebote sie annehmen, welche Räume sie aufsuchen oder mit wem sie spielen. Das Wochenblatt hat die Schule besucht, mit Schulleiter Jörg Behnken (59) gesprochen und den Elternrat nach seinen Erfahrungen mit dem neuen Konzept befragt.

Nicht mehr zeitgemäß


Hausaufgaben bedeuten Druck und Zwang. Was ohne Freude und Motivation erledigt wird, bringt meist wenig, so der ganzheitliche Ansatz der Grundschule an der Eckerkoppel. Die Ganztagsschule nach GBS Form (Ganztägige Bildung und Betreuung) betreut die Kinder von morgens um 6 Uhr, bis in den Nachmittag, spätestens um 18 Uhr. Unterrichtsbeginn ist um 8 Uhr. Die Kinder halten sich im Härtefall ganztägig in ihrer Schule auf. Sie wird für die Heranwachsenden zur Lebenswelt. „Die Taktung - Mittagessen, Hausaufgaben, Kurse und ab nach Hause – ist nicht mehr zeitgemäß. Der Nachmittag muss unserer Meinung nach besser gestaltet werden. Die Kollegen aus der Nachmittagsbetreuung brauchen mehr als eine Stunde Zeit“, findet Behnken. Seiner Meinung nach reicht es vollkommen aus, wenn Kinder in der Grundschule bis 13 Uhr im Unterricht arbeiten. Oftmals kommt anschließend Förderunterricht dazu. „Die Kinder sitzen nur noch vor Arbeitsheften und Matheaufgaben. Wir haben uns gefragt: Was machen wir da mit den Kleinen? Das ist doch nicht mehr kindgerecht! Es gibt nur noch zwei Lebenswirklichkeiten. Die Schule von 6 bis 18 Uhr und die häusliche Welt am Wochenende. Die Kinder sind voll durchgetaktet. Die freie Entfaltung kommt zu kurz. Sich verabreden, Freunde anrufen, nach Lust und Laune spielen. Das gibt es alles nicht mehr“, weiß Behnken.
Das Konzept klingt gut, aber kommt die Bildung nicht zu kurz? Nein, urteilt Behnken! Das Lernen fände jetzt mit mehr Zeit am Nachmittag wesentlich umfangreicher statt: durch die Abschaffung der Hausaufgaben gewinnen die Kinder eine Stunde in der Betreuung und können zusätzliche Angebote wahrnehmen. „Selbstbestimmtes Lernen hat viele Facetten, nicht nur das kognitive Lernen. Wir fördern so nicht nur schulische sondern auch emotionale, soziale und motorische Kompetenzen. Das ist ein enormer Gewinn für die Kinder“, sagt Behnken. Die Kinder lernen zum Beispiel im Rollenspiel Regeln auszuhandeln, andere Rollen und Sichtweisen einzunehmen oder eigene Erlebnisse zu verarbeiten. In Kreativräumen geht es um Konzentration, Fingerfertigkeit und Mathematik.
Bedenken, dass die Kinder in dem Konzept weniger lernen, sind falsch. Laut Behnken lernen sie sogar mehr. „Wir haben beobachtet, dass die Kinder jetzt von allein lernen. Wenn ein Diktat anliegt, haben die Kinder einen freien Raum in der Schule und können dort gezielt dafür üben. Der Unterricht wird außerdem mit mehr Übungszeit verstärkt“, sagt der 59-Jährige.

Motivation gestiegen


Die Eltern waren zunächst skeptisch. Bedenken und Ängste wurden durch Informationen aufgefangen und konnten beseitigt werden. Außerdem zeigte sich schon nach kurzer Zeit, dass die Kinder deutlich entspannter sind. „Die Kinder sind entspannter und stressfreier und reden auch freier und häufiger über das am Tag Erlebte und in der Schule gelernte. Zudem kommen sie verstärkt mit Kindern aus den anderen Klassen in Kontakt und bilden neue Freundschaften“, weiß Tobias Joneit, Vorsitzender des Elternausschusses und Mitglied des Elternrates. „Wir wünschen uns vor allem, dass die Kinder gerne in die Schule gehen. Dass sie motiviert lernen aber auch Zeit für Entspannung oder fürs Toben haben. Dass Schule mehr ist als nur Unterricht und Verwahrung am Nachmittag. Dies kann nur gelingen, wenn der Vormittag und der Nachmittag zusammenwachsen, wenn Lehrer und Erzieher Hand in Hand arbeiten. Und wenn die Erzieher Zeit und Gelegenheit haben, sich einzubringen. Mit dem jetzigen Konzept sind dafür die Grundsteine gelegt, die es weiter zu entwickeln gilt. Wir wünschen uns, dass die Kinder nicht nur gut auf die weiterführenden Schulen, sondern allgemein aufs Leben gut vorbereitet werden“, sagt Joneit. Und was sagen die Schüler zu ihrem neuen Leben ohne Hausaufgaben? „Die Rückmeldungen durch die Kinder sind positiv. Sie empfinden die neue Lernstruktur als viel freier und entspannter“, so Behnken. Damit sich davon auch die Eltern überzeugen können, wird im Juni ein Elternnachmittag stattfinden. Die Erwachsenen sollen einen Nachmittag mit ihren Kinder verleben und das Konzept selber erfahren. Danach wird über die Fortführung entschieden. Doch Schulleiter Behnken ist zuversichtlich: „Wenn man eine Schule gestalten will, muss man überzeugt sein und Visionen haben.“
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