Tschüss, Bäcker Schwengel

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Brigitte Schwengel freut sich auf mehr Zeit mit der Enkeltochter und ihr Mann aufs Ausschlafen. Foto: Hamburger Abendblatt, Andreas Laible

Abschied nach 139 Jahren Familientradition

Von Marlies Fischer
Dulsberg. Wenn Werner Schwengel am Sonnabend zum letzten Mal die Backstube ausfegt, dann ohne Wehmut. So hat es sich der Bäckermeister vorgenommen. „52 Jahre Arbeit sind genug“, sagt der 66-Jährige.
Seine beliebten Mandelhörnchen mit Persipan und die begehrten Tiger-Brötchen, Tonnen von Brot und ungezählte Bleche Kuchen hat er in seinem langen Berufsleben gebacken.
Nach 139 Jahren beendet Schwengel die Familientradition und hat seine Bäckerei und Konditorei am Alten Teichweg 165 in Dulsberg verkauft.
Der Laden ist eine Institution im Stadtteil. Ein Dachdecker kommt jeden Tag um 5.30 Uhr zum Brötchenholen. Kinder und Lehrer aus den Schulen von gegenüber stillen dort ihren Heißhunger auf Süßes mit Schokomuffins, Amerikanern und Franzbrötchen. Die Nachbarn kaufen Brot und bleiben auf einen Klönschnack mit Chefin Brigitte Schwengel, 65, gerne im Laden.
Bäckermeister Franz Bernhard Ludwig Wilhelm Schwengel aus Bad Iburg beginnt 1873 die Familientradition, als er an der Straße Raboisen 52-54 einen Betrieb kauft. Die Bäckerei übersteht zwei Weltkriege, 1946 übernehmen die Brüder Franz und Johannes Schwengel, Vater und Onkel von Werner, die Firma.
Direkt nach dem Krieg ist der Hunger groß, aber die Zutaten sind mager. „Vater und Onkel haben Brötchen aus Maismehl gebacken“, sagt Werner Schwengel.
„Gegenüber der Bäckerei war eine Polizeiwache. Die Polizisten haben morgens schon immer ungeduldig auf die Brötchen gewartet.“
1954 eröffnet Franz Schwengel eine Bäckerei an der Elsässer Straße. Der Stadtteil Dulsberg ist ihm vertraut, er hat in einem Betrieb an der Dithmarscher Straße gelernt. Und für den Senior ist klar, dass sein Sohn die Tradition fortsetzen muss.
„Bei meiner Geburt stand schon fest, dass ich Bäcker werde“, erinnert sich Werner Schwengel.
Dabei wäre er gern länger zur Schule gegangen, hätte sich einen Beruf als Mediziner oder Jurist vorstellen können. Aber der Sohn fügt sich und beginnt mit 14 eine Lehre in einer Bäckerei am Winterhuder Goldbekufer.
Sein Dienst anschließend bei der Bundeswehr ist die einzige Zeit ohne Mehl und Backpulver. Schwengels Schwestern sind auch mit im Betrieb. „Aber die haben dann rausgeheiratet.“
Dafür kommt Ehefrau Brigitte, eigentlich Friseurin, dazu. Ihrem Sohn Markus haben die Eheleute schon früh gesagt, dass er sich seinen Beruf selbst aussuchen könne und nicht ein Meister der Backwaren werden müsse. „Er sollte nicht den Druck haben wie ich“, so Vater Schwengel. Markus ist Informatiker geworden, „er verdient heute leichter mehr Geld.“
1982 übernimmt Werner Schwengel von Vater Franz die Bäckerei an der Elsässer Straße und kauft gleich den gerade leer stehenden Laden am Alten Teichweg dazu. Zwischen 2 und 3 Uhr aufstehen, backen bis zum frühen Vormittag, den Laden um 17 Uhr schließen, gegen 20 Uhr ins Bett, am Wochenende den Haushalt machen und sich um die Familie kümmern - das ist der Alltag des Ehepaars. Zweimal gönnt man sich einen Urlaub in Österreich.
Vor fünf Jahren beginnt der Einstieg in den geplanten Ausstieg mit dem Verkauf der Bäckerei an der Elsässer Straße. „Man schafft das einfach nicht mehr“, sagt Brigitte Schwengel. Das Ehepaar geht ohne Bedauern, denn der Abschied ist selbst bestimmt. „Und der Laden kommt in gute Hände.“ In die von Hanna Handorf. Die 58-Jährige hat früher mal in der Konditorei gearbeitet und wohnt um die Ecke. Zusammen mit Manuela Walter, 43 Jahre alt und auf dem Dulsberg groß geworden, hat Handorf bis vor Kurzem ein Café-Bistro betrieben. „Seit März haben wir gewusst, dass wir die Bäckerei übernehmen können.“ Die beiden Frauen wollen die Qualitätsstandards von Familie Schwengel aufrechterhalten, beschäftigen die beiden Verkäuferinnen weiter und möchten Treffpunkt im Stadtteil bleiben. Auf keinen Fall will Werner Schwengel aber zu Hause backen. „In den Ofen kommt mal ein Braten oder ein Hähnchen. Meine Frau und ich essen eh nicht gerne Kuchen.“ (Marlies Fischer/HA)
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1 Kommentar
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Karin Dabelstein-Hoffmann aus Dulsberg | 04.10.2012 | 13:48  
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