Waschhaus als Treffpunkt

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Das alte Waschhaus des ehemaligen Versorgungsheims Farmsen Foto: Christa Möller
 
Jörg Kowalczyk ist Vorsitzender des Fördervereins Foto: Möller

Kästner-Schüler wollen Verein gründen und Begegnungsstätte errichten

Von Christa Möller
Farmsen
„Verein zur Förderung einer interkulturellen Begegnungs- und Erinnerungsstätte“ – das klingt erstmal etwas sperrig. Was sich dahinter verbirgt, ist der Wunsch einer Gruppe Jugendlicher, auf dem Gelände des ehemaligen Versorgungsheimes einen Treffpunkt zu etablieren. Das Areal grenzt direkt an die Erich Kästner Schule und wird demnächst bebaut. Drei leerstehende alte Gebäude stehen jedoch unter Denkmalschutz und sollen erhalten bleiben. Ein hoher Zaun trennt Schule und Versorgungsheim-Gelände mit der Flüchtlingsunterkunft, wo 800 Flüchtlinge leben, darunter 250 Kinder und Jugendliche. Seit einem Jahr allerdings verbindet ein Tor beide Seiten, das auf Initiative der Schüler im Rahmen der Aktion „Zäune einreißen“ errichtet wurde und nun für kurze Wege sorgt. Durchschnittlich 15 junge Flüchtlinge vom Vorschul- bis zum Grundschulalter kommen gern in die benachbarte Schule, wo eine Schülergruppe von Montag bis Donnerstag ehrenamtlich für die Nachmittagsbetreuung sorgt. „Aber es sind auch schon mal vierzig Kinder“, erzählt Schulsozialarbeiter Jörg Kowalczyk (55), der seit fast 20 Jahren an der Schule tätig ist.
Durch dieses Engagement entstanden weitere Pläne: Mitte vorigen Jahres haben die Erich Kästner-Schüler sowie Jugendliche aus der angrenzenden Flüchtlingsunterkunft Farmsen I und II mit erwachsenen Unterstützern den obigen Verein gegründet, dessen 1. Vorsitzender Jörg Kowalczyk ist. Hanna Schweizer (16), Jule Meier (16), und Klaas Denike (18), gehören als Beisitzer zum Vorstand, der komplettiert wird durch den stellvertretenden Vorsitzenden Uwe Jentz vom Mieterverein Farmsen, Schriftführer Peter Siebers, er ist Politiklehrer an der Schule sowie Kassenwart Werner Glißmann, dem Leiter der Wohnunterkunft. Sie wollen sich ebenfalls für die Förderung der Begegnungs- und Erinnerungsstätte einsetzen.

Begegnung der Kulturen


Die Schüler haben den Vereinszweck wie folgt formuliert: „Wir wollen einen Ort schaffen, an dem Kinder und Jugendliche aus der Wohnunterkunft, der Erich Kästner Schule und aus dem Stadtteil sich begegnen, gemeinsam Zeit verbringen und Spaß haben können. Aber wir wollen auch die Möglichkeit geben, sich über die Vergangenheit unseres Nachbargeländes zu informieren. Es soll ein Ort sein, an dem Erinnerung erhalten werden kann – und gleichzeitig dauerhaft etwas Neues entsteht. Für die Zukunft könnte der Ort nach Abschluss und Umsetzung des Bebauungsplanes für das Gelände dann für alle Bewohner genutzt werden, unter anderem durch kulturelle und Begegnungsangebote.“

Antrag auf Gemeinnützigkeit läuft


Gerade läuft der Antrag auf Anerkennung der Gemeinnützigkeit des Vereins, auch ein Flyer ist in Arbeit. Die Jugendlichen haben bereits einen Kurzfilm über ihr Projekt gedreht, der demnächst auf der Internet-Seite der Schule veröffentlicht wird. Mitte Dezember traf sich der Jugendrat des Vereins zu einer bezirklich geförderten Zukunftswerkstatt mit Kindern und Jugendlichen. Bezirkssondermittel gab es auch für die vorangegangene Wochenendfahrt des Jugendrates zwecks Vorbereitung der Zukunftswerkstatt. „Das machen sie ganz selbstständig“, freut sich Kowalczyk über die engagierten Jugendlichen, deren Projekt er quasi „nur im Hintergrund“ begleitet.
Die Vereinsmitglieder haben sowohl die Vergangenheit des Geländes als auch die Zukunft im Blick. Stichwort Erinnerungskultur. Der ehemaligen Nutzung, die natürlich auch Thema im Schulunterricht ist, soll mit Ausstellungen, Workshops und Bildungsarbeit gedacht werden, die das Erinnern an die Verbrechen der NS-Zeit lebendig und wach halten soll. Das Versorgungsheim Farmsen, entstanden auf dem 1900 von der Stadt gekauften Landgut Farmsen, verfügte über 300 Hektar Landwirtschaft, Gärtnerei, Dampfwäscherei, Schneiderei mit Plättstube, Tütenkleberei, Wergzupferei, Schlachterei und Bäckerei. Im Jahr 1930 lebten dort Aufzeichnungen zufolge „1.400 Obdachlose, Alkoholiker, geschlechtskranke Prostituierte und sonstige ‚Asoziale‘“, die von 20 Angestellten (darunter ein Arzt) versorgt wurden.
Außerdem soll nach den Plänen der Jugendlichen demnächst auf dem Gelände eine Begegnungsstätte für Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlichem Migrationshintergrund entstehen. „Wir wollen, dass die Menschen hier willkommen sind, dass es kein wir und ihr gibt, sondern ein uns“, erklärt der 55-Jährige, der schon immer gesellschaftspolitisch interessiert war und sich bereits vor 20 Jahren in der Flüchtlingsarbeit engagiert hat.
Wenn möglich, soll zunächst die ehemalige Garage des Versorgungsheimes genutzt werden, aber auch das alte Waschhaus würde sich gut für die Vereinszwecke eignen. Hier könnten beispielsweise Theater- und Musikveranstaltungen, Podiumsdiskussionen oder Seminare stattfinden.
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