Wo Stolpersteine in Hamburg an jüdisches Leben erinnern

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Die Stolpersteine für die Familie Levisohn an der Ecke Wandsbeker Königstraße 38/ Quarree
 
Lehrerin mit Geschichtsinteresse: Astrid Louven beschäftigt sich seit den 80er Jahren mit der Geschichte jüdischen Lebens in Wandsbek Fotos: Christa Möller

Ein Rundgang mit Astrid Louven zeigt die Orte in Wandsbek. Am 18. Mai nimmt sie wieder Interessenten mit

Von Christa Möller

Vor 69 Jahren, am 8. Mai 1945, endete der 2. Weltkrieg in Deutschland. An die jüdischen Opfer in Wandsbek erinnern eher unauffällige Pflastersteine.



Ein Beispiel: Das Karstadt-Haus an der Wandsbeker Marktstraße kennt wohl jeder Passant. Dass sich jedoch nur ein kleines Stück weiter, an der Ecke Wandsbeker Marktstraße 57/ Wandsbeker Königstraße, einst das große Bekleidungsgeschäft der Geschwister Korn befand, weiß fast niemand mehr. Aber vergessen ist die Familie nicht: Ein paar unscheinbare Metallsteine, die so genannten Stolpersteine, weisen auf ihr Schicksal hin. Lina Kümmermann, geb. Korn, deportiert am 15.7.1942 nach Theresienstadt, später nach Auschwitz, Ilse Grube, geb. Kümmermann, verstorben im KZ Stutthof, Mary Pünjer, geb. Kümmermann, geb. 24.8.1904, ermordet in der Tötungsanstalt Bernburg.

Biografin


Astrid Louven aus Altona kennt ihre Geschichte und auch die anderer Juden, die einst in Wandsbek lebten. Als vor zehn Jahren in Wandsbek die ersten Stolpersteine für die Opfer nationalsozialistischer Gewaltherrschaft verlegt wurden, war sie dabei, und auch an den meisten Biographien war sie beteiligt. Nachzulesen sind sie in dem Buch „Stolpersteine in Hamburg-Wandsbek mit den Walddörfern, Hamburg 2008“, das Astrid Louven gemeinsam mit Ursula Pietsch veröffentlicht hat. Es ist für drei Euro zu beziehen über die Landeszentrale für politische Bildung. Doch nicht alle Schicksale sind näher bekannt. „Woher? Wohin? - das ist nicht rauszukriegen“, bedauert sie mit Blick auf Hulda Kaufmann, die einst an der Wandsbeker Königstraße lebte. Einmal monatlich trifft sich die „Stolpersteingruppe“, die in ganz Hamburg für das Gedenken an die früheren jüdischen Mitbürger Sorge trägt, im Kulturhaus in Eppendorf. Immerhin etwa 4.700 Stolpersteine des Kölner Künstlers Gunter Demnig gibt es in Hamburg.

Jüdischer Friedhof


Gibt es noch weitere jüdische Spuren in Wandsbek? Wer nicht weiß, wo er suchen muss, wird nur mit Mühe fündig. Der jüdische Friedhof neben dem Staatsarchiv an der Königsreihe (ehemals Lange Reihe) fällt wenig auf, die Gemeinde war nicht reich, die alten Grabsteine sind klein. Ein hoher Zaun umgibt das Gelände, das Tor ist verschlossen. „375 Jahre alt ist der Friedhof“, erklärt Astrid Louven. „Der älteste Grabstein hier ist der von Bela Hekscher, sie starb 1663.“ Weil jüdische Gräber bis in alle Ewigkeit Bestand haben sollen, war der Friedhof mit etwa 1.240 Grabstätten bereits im Jahr 1886 voll belegt und wurde geschlossen. Ende der 50er Jahre wurde der Friedhof wieder an die Jüdische Gemeinde übertragen, seit 1960 steht er unter Denkmalschutz. „Die Toten wurden in Ost-/West-Richtung, also Richtung Jerusalem, bestattet“, erklärt Astrid Louven. Gepflegt wird der Friedhof von der Ohlsdorfer Friedhofsverwaltung. Die Forscherin weiß auch, dass keine Berühmtheiten hier ihre letzte Ruhe fanden, allerdings ist der Vater von Albert Ballin auf dem Friedhof bestattet. Vor dem Zaun an der Königsreihe befindet sich ein Gedenkstein an den letzten Wandsbeker Rabbiner Dr. Simon Bamberger, der an der Schloßstraße wohnte und 1961 in Jerusalem verstarb.

Am Dotzauer Weg stand die Synagoge


Recht versteckt findet sich ein weiterer, wichtiger Gedenkstein: Am Dotzauer Weg weist er seit 1988 auf die Synagoge hin, die im Jahr 1840 ein Stück weiter längs an der Königsreihe 43 im Hinterhof eingeweiht wurde. Aus Geldmangel bekam die Gemeinde ihren ersten Rabbiner erst 1847. „Möglicherweise hat Sigmund Freud in dieser Synagoge 1886 Martha Bernays geheiratet“, vermutet Astrid Louven. Die pensionierte Dozentin in der Erwachsenenbildung interessierte sich schon immer für Geschichte. Nach dem Lehramtsstudium Sekundarstufe 1 arbeitete sie unter anderem im Heimatmuseum Wandsbek, wo sie auf den jüdischen Friedhof stieß und mit ihren Forschungen zur jüdischen Gemeinde Wandsbek begann. Sie publizierte unter anderem das Buch „Die Juden in Wandsbek“. Was sie antreibt? „Vielleicht das Motiv, eine Art Pionierarbeit zu leisten, ein bisschen Sand im Getriebe zu sein, etwas hervorzuholen, was andere lieber verstecken würden. “ Sie sichtete den Bestand der jüdische Gemeinde Wandsbek im Hamburger Staatsarchiv und organisierte 1988 die Ausstellung „Juden in Wandsbek 1604-1940 – Spuren der Erinnerung“ im Bezirksamt Wandsbek. 1989 erschien ihr gleichnamiges Buch über die Juden in Wandsbek, das nur noch antiquarisch erhältlich ist beziehungsweise in der Bücherhalle ausgeliehen werden kann. Außerdem wirkte sie an der Ausstellung des Museums für Hamburgische Geschichte über 400 Jahre Juden in Hamburg sowie dem dazugehörigen Aufsatzband mit. Weitere Infos unter www.astrid-louven.de
Jetzt wird sich Astrid Louven erstmal mit ihrer eigenen Familiengeschichte befassen. „Das ist auch ein Stück Arbeiterbewegung: Die Familie meiner Großmutter stammt aus Altona und war sozialdemokratisch orientiert.“ Ansonsten interessiert sie sich für die Natur, geht gern wandern, genießt aber auch kulturelle Angebote und macht Sport: „Ein bisschen Fitnesstraining“.

Putzaktion


Noch bis zum 15. Mai steht eine besondere Putzaktion an: Aus Anlass des „Yom HaShoah“, an dem seit den 1950er Jahren in Israel und Teilen der Welt der Opfer des Holocaust gedacht wird und der 2014 auf den 28. April fiel, rufen die Initiatoren dazu auf, die Stolpersteine reinigen. (Infos: www.stolpersteine-hamburg.de)
Die Geschichtswerkstatt des Vereins Kulturzentrum Wandsbek lädt zur Spurensuche der 30er bis 50er Jahre in Wandsbek. Nächstes Treffen Dienstag, 20. Mai, um 18.30 Uhr. Anmeldung: geschichtswerkstatt@kulturschloss-wandsbek.de

Nächster Rundgang: Sonntag, 18. Mai, 10.30 Uhr, Bezirksamt Wandsbek, Stormarn-Haus. Kosten: 5 Euro (Spende)
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