Zu Besuch bei den „Schlaufüchsen“ in Langenhorn

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Auf diesem umgekippten Baum klettern die „Schlaufüchse“ besonders gern Foto: sos
 
Wer sich kopfüber an Äste hängt, entwickelt Mut und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten Foto: sos

Ein Wald voller Möglichkeiten. Wie Natur- und Waldkindergärten die Entwicklung fördern

Von Sonja Schmidt

Langenhorn

„Weißt du was, ich habe schon eintausend Dino-Skelette im Wald gefunden“, sagt Mo stolz und beißt in sein Butterbrot. Es ist Freitag, 9 Uhr. Zeit für den Morgenkreis und ein Frühstück unter freiem Himmel. Wie jeden Tag hocken die „Schlauchfüchse“ auf Baumstämmen, atmen frische Waldluft und stimmen sich mit fröhlichen Liedern auf einen abenteuerlichen Tag ein.

„Ameisen, Ameisen, rackern nicht alleine. Wenn wir alle Hand anlegen, können wir die Welt bewegen“, singen sie und blicken von einem Hügel auf eine sattgrüne Abenteuerlandschaft: der Naturkindergarten im Kiwittsmoor, eine spannende Welt aus Matschkuhlen, Mauselöchern und meterhohen Kletterbäumen.
Die jüngsten Kinder der Elementargruppe sind drei, die ältesten sechs Jahre. 30 „Schlaufüchse“ und drei Erzieher verbringen den Tag bis mittags auf der weitläufigen Wiese am Tweeltenmoor. Vom überdachten Kindergarten am Holitzberg 290 sind sie her spaziert. Ging es eben noch darum, geordnet in Zweiergruppen zu gehen, herrscht 20 Minuten später pures Chaos. Stillsitzen? Keine Chance. Kaum ist die erste Mahlzeit des Tages verputzt, treibt der Forscherdrang die kleinen Entdecker in alle Himmelsrichtungen. „Es gibt allerdings feste Grenzen, die sie nicht übertreten dürfen, damit wir sie nicht aus den Augen verlieren“, erklärt Erzieherin Britta Reichel. Jedes Kind trägt außer einem Rucksack mit Essen und Trinken wetterfeste Kleidung und Gummistiefel.
Schnell wird klar, warum. Kaum sind alle losgestürmt, springen die ersten auch schon in knöcheltiefe Pfützen und spritzen sich gegenseitig nass. Mit Stockschwertern kämpfen sie wie kleine Ritter gegeneinander oder stochern, auf der Suche nach Fröschen, im wildgewachsenen Gras herum. Ein paar Meter weiter erklimmt ein Mädchen furchtlos einen Baum und blickt aus einer Astgabelung triumphierend zu ihren Freunden herüber. „Huhuuuu, haaaallloooo“, ruft sie aus zwei Metern Höhe. Ihre Freunde beeindruckt das wenig. Sie wedeln lieber mit blättrigen Ästen vor der Nase einer Betreuerin herum und rufen „Gift! Das ist Gift!“. Ein Phantasiespiel, in Wahrheit handelt es sich nur um harmloses Gestrüpp.
„In der freien Natur entdecken Kinder so viele Dinge, da entstehen ganz von alleine Spielideen“, sagt Britta Reichel. In der sogenannten Freispielzeit sind die Möglichkeiten unerschöpflich: Mal wird geschnitzt, gebastelt und gemalt. Und manchmal kommt das Fuchsmobil von Nabu-Umweltlehrer Krzysztof Wesolowksi angerollt. Im Gepäck: ein kleines Experimentallabor aus präparierten Tieren, Mikroskopen, Keschern und Wannen für kleine Fische und Kaulquappen. „Wisst ihr noch, welche Tiere es bei uns im Wasser gibt?“, fragt Britta Reichel. „Wasserläufer!“, ruft ein Junge. „Libellen!“, ein anderer.

Während die Kinder toben und kopfüber an Ästen baumeln, baut Holger Weinbuch unter einer großen Linde ein Vogelnest auf. Ein kleiner Weiher und ein Ameisennest sind bereits fertig. Es ist die Kulisse für das Sommer-Theaterstück der „Schlaufüchse“. Wochenlang haben sie Texte auswendig gelernt und Kostüme gebastelt. Für die Aufführung wird ein letztes Mal geprobt. Der Inhalt des Stücks, nach dem Buch „Kleine Helden im Wald“ von Matthias Meyer-Göllner, ist schnell erzählt: Ein Wildschwein, eine Kröte und ein Igel sitzen gelangweilt am Teich und hören ein Vogelbaby schreien, das aus dem Nest gefallen ist. Sie wollen es zurückbringen und bitten verschiedene Waldtiere um Hilfe. „In dem Theaterstück dreht sich viel um Freundschaft, Zusammenhalt und gegenseitige Hilfe“, sagt Weinbuch.

Der 43-jährige Erzieher und Naturpädagoge ist überzeugt vom Konzept des Naturkindergartens. „Die Kinder sind den ganzen Tag draußen, sie klettern, balancieren und entwickeln früh eine feine Motorik. Dadurch werden sie mutiger und stärken ihr Selbstbewusstsein.“ Natürlich gebe es auch in den vier Wänden eines klassischen Kindergartens spezielle Bewegungsangebote und Klettergerüste auf den Spielplätzen. Bei den „Schlaufüchsen“ zum Beispiel stehen den Kindern nachmittags ein Toberaum, eine Kreativwerkstatt, ein Werkraum und eine Bibliothek zur Verfügung.

Die unmittelbare Nähe zum Kiwittsmoor ist dennoch ideal: „Hier im Wald wird das Immunsystem ganz besonders gestärkt und Kinder bekommen ein besseres Gespür für das Leben in und mit der Natur“, betont Weinbuch. Eine Toilette sucht man auf der weitläufigen Wiese jedoch vergebens. Wer muss, lässt an einem Pinkelbaum einfach die Hosen runter, oder verzieht sich ins Gebüsch. Von wo genau der Wind weht, verrät ein weißer Windanzeiger aus Krepppapier. Die Kinder haben ihn selbst gebastelt und an einen Ast gehängt.

Auch auf fertiges Spielzeug wird im Naturkindergarten verzichtet. Das regt die Kreativität und Phantasie an. In Projekt- und Themenwochen lernen die Kinder außerdem viel über Naturwissenschaften, Technik und Mathematik, berichtet Weinbuch. So messen sie zum Beispiel ihre Körpergröße und wiegen sich. In der Natur werden die Zahlen dann mit Stöcken und Steinen in den Sand geschrieben.

Lernort Wald

In Schweden entstand bereits Ende des
19. Jahrhunderts eine Naturpädagogik-Bewegung, die Aktivitäten für alle Altersgruppen anbot.

Aus dieser Bewegung entstanden Mitte des
20. Jahrhunderts die ersten Kleinkindgruppen, 1984 wurde der erste schwedische Waldkindergarten eröffnet. Der erste anerkannte deutsche Waldkindergarten wurde 1993 in Flensburg eröffnet.

Rund 1.500 Natur- und Waldkindergärten gibt es in Deutschland – in
Hamburg 22.

Vor allem in Süddeutschland sind Tierkindergärten verbreitet. Pflege von Tieren gehört zum Konzept.

Infos über den Wald- und Naturkindergarten „Die Schlaufüchse“ gibt es unter: www.kindergarten-schlaufuechse.de und
Telefon 040/ 69 65 63 60
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