„Gitarren können zickig wie Frauen sein“

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Hamburger Blues-Legende Abraham „Abi“ Wallenstein kommt nach Trittau Foto: wb

Abi Wallenstein im Wochenblatt-Interview über Blues, Joe Cocker und die Wassermühle. Konzert am Sonnabend

Von Victoria Kirjuschkin
Trittau
Die Hamburger Blues-Legende Abraham „Abi“ Wallenstein kommt nach Trittau. Am Sonnabend, 21. Februar, gastiert er mit Georg Schroeter (Piano) und Marc Breitfelder (Mundharmonika) in der Wassermühle. Im Wochenblatt-Interview spricht er über Blues, Joe Cockers Tod und was Frauen und Gitarren gemeinsam haben.Wallenstein ist in Jerusalem geboren. Mitte der Sechziger kam er mit 20 Jahren nach Hamburg, um Soziologie zu studieren. Es folgten erste Auftritt in Clubs wie Danny’s Pan, dem Jazzhouse oder Onkel Pö. Er musizierte mit Axel Zwingenberger, Vince Weber und Inga Rumpf. Seine Alben „Step in Time“ (2003) und „Blues Culture“ (2007) wurden mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Viermal in Folge (2011 bis 2014) wurde der heute 69-Jährige mit dem Publikumspreis „German Blues Award geehrt.

„Meine Mutter nahm mich als Kind immer mit ins Kino, einmal sahen wir in einen Rock’n-Roll-Film mit dem Sänger und Gitarristen Tommy Steele. Das hat etwas in mir ausgelöst, das bis heute schwingt.“ Abi Wallenstein

WochenBlatt: Womit sind Sie im Moment beschäftigt?
Abi Wallenstein: Ich habe viele Auftritte und bin zur Zeit im Studio. Ich arbeite an einem neuen Album, das mit Glück Ende des Jahres erscheinen wird. Seit zwei Jahren sammle ich Ideen, schreibe Texte und Musik. Es ist nicht immer leicht, im Studio Musik zu machen, schränkt mich ein wenig ein. Da ist niemand, dem ich in die Augen sehen kann, für den ich spielen kann.

WB: Was erwartet Ihre Fans?
Wallenstein: Auf dem Album werden selbstgeschriebene Songs, aber auch Coverstücke erklingen, die den ursprünglichen Kern der Beziehung Abi und Blues herstellen sollen. 

WB: Wann haben Sie das Gitarre spielen für sich entdeckt? 
Wallenstein: Meine Mutter nahm mich als Kind immer mit ins Kino, einmal sahen wir in einen Rock’n-Roll-Film mit dem Sänger und Gitarrristen Tommy Steele. Das hat etwas in mir ausgelöst, das bis heute schwingt. Mit zwölf Jahren habe ich mir eine Gitarre gewünscht und mir das Spielen selbst beigebracht.

WB: Wie haben Sie den Blues entdeckt?
Wallenstein: Wichtig war mein damaliger Musiklehrer. Als er uns einen Song von Big Joe Turner vorspielte, hat das etwas in mir ausgelöst. Zudem hatten wir einen amerikanischen Austauschschüler in der Schule. Durch ihn lernte ich Skiffle-Music kennen, eine Vorform des Blues, sie wird mit Banjo und Gitarre sowie improvisierten Instrumenten wie einem Waschbrett gespielt. Ich habe mir auch damals haufenweise LPs in Plattenläden angehört, bin nach Hause gerannt und habe versucht, sie nachzuspielen. Da wusste ich, ich will vor Publikum spielen.

WB: Wie viele Gitarren besitzen Sie heute?
Wallenstein: Ich habe eine Akustikgitarre, die sehr laut ist, diese nehme ich beim Spielen auf der Straße und eine halbakustische Gitarre, eine „Guild“ Baujahr 1957. Sie hat auch einen Namen, ich nenne sie „Mylady“.

WB: Haben Frauen und Gitarren Gemeinsamkeiten?
Wallenstein: Ja, sicher. Zum einen erinnert mich die Form einer Gitarre an einen Frauenkörper, sie schmiegt sich beim Spielen an dich. Und Gitarren können wie Frauen manchmal schon ein wenig zickig sein, aber je mehr man sie liebt, desto mehr Wärme und Liebe erhält man zurück. 

WB: Sie haben auch schon als Pre-Act von Joe Cocker gespielt. Wie sehr hat Sie sein Tod berührt?
Wallenstein: Das hat mich sehr traurig gemacht. Er hatte eine spezielle Art zu singen und auf mich großen Einfluss. Sein Tod ist ein großer Verlust für die Blues- und Soulwelt.

WB: Live zu spielen, ist für Sie etwas Besonderes. Warum?
Wallenstein: Blues ist vom Ursprung her Publikums-Musik, die Musik blüht erst so richtig auf mit der Resonanz, mit der Beteiligung und mit den Energien eines Publikums. Entstanden ist diese Musik auf den Baumwollfeldern im Süden der USA, wo die afroamerikanischen Sklaven mit Gesängen ihre Arbeit begleiteten, und wo stets ein Vorsänger eine Zeile sang und die übrigen antworteten („Call&Response“)

WB: Sie sollen einmal pro Woche ein Straßenkonzert geben, stimmt das? 
Wallenstein: Ja, wann und wie oft ich spiele hängt aber vom Wetter und dem Zustand meiner Stimmbänder ab. Am liebsten stehe ich in der Spitaler Straße. Für mich spiegelt diese Art Musik zu machen, das elementarste wieder: Meine Lieder und Performance müssen eindrucksvoll genug sein, um die Menschen anzulocken, sie im Kern zu berühren, damit sie stehen bleiben und mir zuhören. 

WB: Fast immer tragen Sie bei Ihren Auftritten einen Hut. Was ist der Grund?
Wallenstein: Früher, als ich noch viele, lange, krause Haare hatte, band ich mir bei Auftritten ein Stirnband um den Kopf. Als in späteren Jahren einige der Haare verschwanden, wechselte ich zum Hut. Zudem finde ich, es hat was Fetziges. 

WB: Sie feiern im nächsten Jahr 70. Geburtstag und ihr 50-jähriges Bühnenjubiläum. Was haben Sie vor?
Wallenstein: Ich bin im Moment so beschäftigt, dass ich mich damit noch gar nicht beschäftigt habe. Zu meinem 60. Geburtstag aber habe ich zwei Tage lang gefeiert und mehr als 80 Künstlerfreunde eingeladen, die mich auf meinem musikalischen Weg begleitet haben. So etwas in der Art kann ich mir vorstellen. Ich suche nur noch einen Engel, der das für mich organisiert.

WB: Wenn Sie am Sonnabend in Trittau spielen, worauf freuen Sie sich? 
Wallenstein: Ich liebe die Akustik in der Wassermühle. Durch das viele Holz und den schwingenden Boden, entsteht ein toller Klang. Zudem erkenne ich im Saal immer wieder bekannte Gesichter, obwohl das Publikum meiner Konzerte in Trittau immer gemischt ist. Man weiß nie, wer kommt.

Das Konzert in der Trittauer Wassermühle mit dem Titel „Spirit of Blues“ beginnt um 20 Uhr. Karten kosten im Vorverkauf 20 Euro und sind unter anderem in der Bücherecke Hagedorn (Bahnhofstraße 7, 04154/ 21 85) und dem Buchladen Anja Wenck (Poststraße 31, 04154/ 8 54 01) erhältlich
Weitere Informationen: Trittauer Wassermühle

Abi Wallenstein: Soundtrack seines Lebens

1) J. B. Lenoir: Remove This Rope. Einer meiner Blues Helden, sehr differenzierter Gitarren-Stil, gesanglich einer der intensivsten hohen Stimmen im Blues, schrieb auch sozial kritische Texte.

2) James Brown: Foundations Of Funk (Album) Dokumentation der „Grundsteinlegung“ für Alles, was moderne schwarze Rhythmen ausmacht. Bis Heute noch! Wesentlich für meinen Gitarrenstil.

3) Chris Whitley: It´s A Beautiful Day. Originellste Übertragung des schwarzen Gesangs- und Gitarrenstils in eine „weiße Welt“.

4) Paul Rodgers (Free): Heartbreaker. Revolutionär hinsichtlich des neuartigen Grooves, bis heute unfassbar intensiver Gesang. Ebenfalls Vorbild für meinen musikalischen Stil.

5) Beatles: I Wanna Hold Your Hand. Song, der mich so sehr packte (ca. 1964), dass ich von heute auf morgen mit dem Old Time Jazz aufhörte.

6) Aretha Franklin: Dr. Feelgood (Live at Fillmore West). Die Verbindung zwischen Gospel & Soul & Blues. Das Vorbild für mich, wie man ein Publikum „verhext“.

7) Joni Mitchel: Night Ride Home. „Weißer“ Gesang und Gitarre, der einen bis zum Grund der Seele packt.

8) Oum Kalthoum: Amal Hayaty. Ägyptische Sängerin, wichtige Bluesquellen stammten aus Sudan (Afrika). Hypnotischer Gesang und Rhythmik, habe ich
sehr früh in mich eingesogen.

9) Phillipe Jaroussky: Ombra Mai Fu (G.F.Händel). Barock-Musik höre ich leidenschaftlich gern, geht ebenfalls sehr tief.

10) The Tommy Steele Story (Film über den englischen Elvis). Brachte mich dazu, mir 1958 eine Gitarre zu wünschen. Damit fing alles an… 
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