Bargfeld-Stegen: Ein Dorf ohne Butter und Brot

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Der geschlossene Supermarkt in Bargfeld-Stegen Foto: Schlie
 
Volker Behn von der Wähler-Vereinigung Bargfeld-Stegen Foto: Schlie

Bürgern fehlt Einkaufsmöglichkeit und Treffpunkt

Von Christina Schlie
Bargfeld-Stegen
Vor einem Jahr hat der „Nah & Frisch Supermarkt“ in Bargfeld-Stegen geschlossen. Seitdem müssen sich die Bargfeld-Stegener für jeden Liter Milch oder das vergessene Stück Butter ins Auto setzen, um in den nächsten Supermarkt nach Bargteheide zu fahren. Bis dahin sind es immerhin knapp acht Kilometer. „Eine Zumutung“, sagt Heidi Noack. Gerade für die weniger mobilen Senioren sei die Situation unhaltbar, findet die 73-jährige Rentnerin. Bürgermeister Andreas Gerckens formuliert die aktuelle Lage diplomatischer: „Eine unglückliche Situation.“ Ein Supermarkt ist wichtig für das Ortsklima, betont Hartmut Noack. Quasi als sozialer Treffpunkt, so der 76-Jährige.Doch Grundstück und Gebäude sind im Privatbesitz der Familie Parsa, für sie scheint sich der Betrieb eines Supermarktes nicht mehr zu rechnen. Privatbesitz ist in Deutschland besonders geschützt, erklärt Andreas Gerckens die Lage. Warum sich seit zwölf Monaten kein neuer Betreiber für den Supermarkt gefunden hat, darüber gibt es die verschiedensten Spekulationen im Ort. „Es gibt viele Interessenten, aber die Bedingungen, die der Inhaber an die neuen Pächter stellt, scheinen unattraktiv zu sein“, sagt Volker Behn, Pressesprecher der Wähler-Vereinigung Bargfeld-Stegen (WVB). Auch Bürgermeister Andreas Gerckens weiß von verschiedenen Interessenten. Gespräche hätten aber gezeigt, dass für große Ketten die vorhandene Fläche nicht ausreichend sei: „Größere Discounter oder Märkte benötigen eine Verkaufsfläche von mindestens 5.000 Quadratmetern.“ Das Grundstück am Mittelweg Ecke Kayhuder Straße hat nur 1.200 Quadratmeter. Madjid Parsa, Besitzer des Grundstückes und Gebäudes, bedauert selbst den Wegfall des Supermarktes für den Ort, kritisiert jedoch: „Wir haben zu wenig Unterstützung aus der Bevölkerung erhalten. Die Älteren haben bei uns gekauft, junge Familien meist nur in Bargteheide.“

Die Einnahmen gingen zurück


Auch Behn sieht im Handeln der Bürger eine Mitschuld für die Schließung. „Oft wurde hier nur das gekauft, was man woanders vergessenen hatte. Die Großeinkäufe erledigte man beim billigen Supermarkt in Bargteheide.“ Dass ein Unternehmen von diesem Kaufverhalten der Menschen nicht existieren kann, ist dem Politiker, der seit vierzig Jahren in der Gemeinde lebt, bewusst. „Die Einnahmen gingen zurück, wir retteten uns von Monat zu Monat. Dann wurde auch noch eingebrochen, das war einfach zu viel“, sagt Madjid Parsa. Nun sucht er verzweifelt einen Nachfolger, ob Mieter oder Käufer spielt keine Rolle.
Dabei gab es in den 1970er- Jahren in Bargfeld-Stegen sogar drei Supermärkte, drei Schlachter und drei Tankstellen, weiß die Bargfeld-Stegenerin Renate Hinrichs. Doch das Einkaufsverhalten hat sich verändert. Durch die Hektik des Alltags und den Mangel an Zeit, versuchen viele Menschen ihre Einkäufe in einem Geschäft zu erledigen. Alteingesessene kleine Einzelhändler hätten zudem oft Probleme, Nachfolger für ihr Geschäft zu finden. Auch Sandra Nagel erledigt ihre Einkäufe in Bargteheide. Wenn die zweifache Mutter von der Arbeit kommt, wird der Wocheneinkauf schnell noch mit erledigt. Auch sie hat meist nur Kleinigkeiten vor Ort geholt. „Es ist schade, dass es hier keinen Supermarkt mehr gibt“, sagt die 43-Jährige. Jetzt sind die Kinder groß genug, um auch einmal etwas allein besorgen zu können. Dadurch lernen sie Selbstständigkeit. Hier haben sie dazu keine Chance, so Nagel. Aber auch den älteren Menschen fehle der Supermarkt als Treffpunkt. „Viele Rentner gehen nicht einfach vor die Tür. Wenn sie einen Anlaufpunkt haben, fällt es leichter.“ Seit einem Jahr weiß die Gemeindevertretung um die Problematik. „Es ist schwer nachzuvollziehen, dass sich dieser Leerstand für einen Kaufmann rechnet“, gibt Gerckens zu bedenken. Der Bürgermeister hatte gehofft, dass sich eine Nachfolgeregelung zügiger umsetzen ließe. Um zu gewährleisten, dass der Standort erhalten bleibt, hat die Gemeindevertretung beschlossen, dass sich dort nur ein Lebensmittelgeschäft niederlassen darf. „Diese Gesetzesänderung stimmt mich traurig und ist laut meinem Anwalt gar nicht rechtens“, meint Parsa. Klage erheben will er aber nicht, „wir wollen weiter in Frieden hier leben.“

Handlungsbedarf besteht


Langfristig besteht Handlungsbedarf in Sachen Supermarkt. „Man muss sich Gedanken über einen Alternativstandort machen“, sagt der Bürgermeister. Für den Bau eines größeren Marktes sei generell eine Genehmigung von Land und Kreis sowie die Änderung des Flächennutzungsplans notwendig. Um festzustellen, welche Grundstücke geeignet sind, hat die Gemeinde bei der Landesplanung verschiedene Standorte angefragt, so Carsten Unger, Vorsitzender des Bau- und Umweltausschusses. Mögliche Interessenten wollen eine 1A Lage, Grundstücke in zweiter Reihe fallen somit gleich raus, so Gerckens. Bei aller Dringlichkeit sind dem Bürgermeister das behutsame Wachsen und die Entwicklung des Ortes wichtig. „Kommt ein Supermarkt auf der grünen Wiese, wäre das ein K.O.-Kriterium für den Standort Mittelweg.“ Das Dorfzentrum gelte es aber weiter zu beleben. Vielleicht mit einer Folgenutzung im Bereich Gastronomie, spekuliert der Bargfeld-Stegener.
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