Das Hamsterrad anhalten

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In turbulenten Zeiten hilft es, inne zu halten. Wie die Frau auf dem Symbolfoto, die meditiert Foto: thinkstock
 
Susanne Brandt-Stange (v.l.) und Iris Hoffmeyer Foto: mkei

Was wesentlich ist, warum Ruhe gut tut: Die Wochenblatt-Reporterin und ein besonderes Seminar

Von Manuela Keil
Bargteheide
Es ist Abend, dunkel, es regnet und ich habe es eilig, denn ich möchte pünktlich beim Seminar sein. Das Thema: das „Geheimnis der Schildkröte“. Als ich endlich die Räume in der Wurth 3 betrete, tönt mir leise Meditationsmusik entgegen. Wie wohltuend, denke ich.
Wir sind eine kleine Runde von sechs Frauen zwischen Anfang 40 und 75 Jahren, die sich von dem Abendseminar nützliche Anregungen für ihren Alltag und umsetzbare Tipps erhoffen. Nach einer kurzen Vorstellung wird klar: Jede von uns kennt Alltagsstress, einen Hang zum Perfektionismus, zum Multitasking, zum Dauerdenken. „Denken geht immer, unter der Dusche, beim Autofahren, beim Kochen“, meint Wiebke. Marlies formuliert ihr Ziel: „Ich möchte für mich mehr Freiräume schaffen.“
Dann fragt uns Iris Hoffmeyer, Personal Coach und Leiterin des Seminars: „Was mache ich hier gerade? Ich sitze. Und das ist mehr als genug.“ Dieser Gedanke hat etwas Verblüffendes. Wir probieren – in Gedanken – aus, wo dieser Satz für unser Leben passen könnte: Wie fühlt sich das beim Duschen, Zähneputzen, Kochen, Autofahren an? Denn es wird in einem regen Austausch unter uns klar: Wir machen alle zu viel gleichzeitig. Wir telefonieren oder sehen fern und lesen gleichzeitig E-Mails, beim Kochen wird telefoniert und beim Gehen zur Arbeit ein Coffee to go getrunken und ein Franzbrötchen gegessen. Daneben schnell noch eine SMS auf dem Handy geschrieben.
Oder: Ich will einen kleinen Spaziergang in der Sonne machen, sehe im Flur den vollen Wäschekorb vor mir und denke: das räume ich schnell noch ein. Dann „falle“ ich quasi über die alten Zeitungen, räume sie in das Altpapier, denke – das kann ich gleich mit runternehmen. So geht es mit vermeintlich kleinen Tätigkeiten weiter, bis es zu spät ist, spazierenzugehen. Denn: Ein Termin ruft. Ein kostbarer Moment, für sich etwas zu tun, ist somit wieder vertan. Wir sollen uns drei Dinge überlegen, die wir in Zukunft mit allen unseren Sinnen machen wollen. Denn es geht darum, achtsam zu werden bei allem was wir tun. Ich notiere: Wenn ich dusche, so ist das mehr als genug. Ebenso beim fernsehen und Autofahren. Hilfreich ist auch dieser Gedanke: Ungeliebte Routinen wie bügeln mal anders und schöner machen. Vielleicht bei der Bluse mit den Manschetten statt dem Kragen beginnen und mein ganzes Können reinlegen? „Es geht darum, unser Hamsterrad zu unterbrechen, achtsamer und ruhiger zu werden – und inne zu halten“, sagt Iris Hoffmeyer. Denn wer vieles gleichzeitig macht, entspannt nicht mehr. Gut sei es, am Tag 30 Minuten für sich zu haben. Mal nichts tun, Stille genießen ohne Geräuschpegel von Radio oder TV. „Das fällt vielen Menschen schwer“, sagt die Seminarleiterin. Zur Übung schweigen wir die nächsten drei Minuten, hören auf unseren Atem. Mancher kommt diese Zeit recht lang vor.
Die Frage taucht auf, welche Tätigkeit ist überhaupt wichtig? Und ob es einen Unterschied gibt zu wesentlich? Wichtig (oder dringend) ist, vor Ladenschluss noch einzukaufen, pünktlich zu sein oder zur Arbeit zu gehen. Wesentliches hat mit gemeinsamer Zeit, mit anderen Menschen etwas zu unternehmen mit Gesprächen und Dingen zu tun, die uns selbst gut tun. „Aufräumen dagegen ist aufschiebbar und nicht wesentlich.“
Für mich ist die folgende Überlegung hilfreich: Wie sollen die Gäste an deinem 90. Geburtstag über dich sagen? Wie sollen sie dich in Erinnerung behalten? Sicher nicht als jemanden, der immer viel aufgeräumt hat und besonders penibel war. Eher als einen zuverlässigen verantwortungsbewussten Menschen, der gut zuhören, mit dem man sich gut unterhalten kann, auch über schwierige Themen, denke ich. Einen Menschen, der das Leben liebt, der neugierig geblieben ist, gern lacht und der zufrieden und gelassen ist. Der auch mit seinem Spitznamen aus Kindertagen seinen Frieden gemacht hat. Wie habe ich es verabscheut, als Kind von meinen Eltern Schnecke genannt zu werden. Jetzt weiß ich erst, welchen Wert es hat, Dinge mit Bedacht und achtsam zu machen.
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