Eine Zeitzeugin mahnt

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Der Zehntklässler Bennett Wetters stellt der Zeitzeugin Esther Bejarano seine Fragen Foto: cs

Esther Bejarano: „Kein weiterer Rechtsruck“

Von Christina Schlie
Bargteheide
Wenn Esther Bejarano erzählt, wird es mucksmäuschenstill. Ihre Erlebnisse als Jüdin im Zweiten Weltkrieg verschlagen dem Zuhörer die Sprache. So auch den 200 Schülern des Kopernikus Gymnasiums in Bargteheide (KGB), denen sie aus ihrem Leben berichtete. Die 92-Jährige ist eine der letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges und Überlebende des Vernichtungslagers Ausschwitz. „In unserer Welt ist kein Platz für die Menschenverachtende Ideologie der Neonazis“, sagt Esther Bejarano. Die aktuelle Schülergeneration wird die letzte sein, die persönlich davon profitiert, Erlebnisse von Zeitzeugen zu hören. „Ihr seid diejenigen, die dafür sorgen müssen, dass der Rechtsruck in der Welt nicht größer wird“, appelliert Esther Bejarano an die Schüler. Es hat fast bis zu ihrem 70. Lebensjahr gedauert, bevor sie bereit war, ihre Geschichte zu erzählen. Eine Konfrontation mit Neonazis, Demonstranten und der Polizei gab den Ausschlag dazu. Heute ist sie dankbar dafür, als Zeitzeugin auftreten zu dürfen. „Es hat mich innerlich befreit über mein eigenes Schicksal zu reden. Die Albträume sind weniger geworden“, sagt Esther Bejarano. Ihre Jugendzeit zwischen dem 16 und 21 Lebensjahr verbrachte die Jüdin in Gefangenschaft. Dass sie Auschwitz überlebt hat, verdankt sie mehreren glücklichen Zufällen und ihrem musikalischen Gehör. Als Akkordeonspielerin –
ohne jemals das Instrument erlernt zu haben - musste sie täglich den Marsch der Arbeitskolonnen begleiten und entkam so der Gaskammer. Später wurde sie ins KZ Ravensbrück verschleppt, bevor sie kurz vor Kriegsende auf einem Todesmarsch fliehen konnte. „Ich habe immer den Willen und die Hoffnung gehabt zu überleben.“

„Ihr seid diejenigen, die dafür sorgen müssen, dass der Rechtsruck in der Welt nicht größer wird.“ Esther Bejarano

Die persönlichen Schilderungen und die Offenheit Bejaranos beeindrucken die Schüler. Ihre KZ-Nummer, eintätowiert auf den linken Oberarm, hätte sie nicht mehr, erzählt die 92-Jährige auf Nachfrage. Zu häufig seien ihr aufgrund der Nummer unwürdige Fragen gestellt worden. Auch Schuldgefühle überlebt zu haben, plagten sie nicht. Allerdings sei sie nicht bereit gewesen, als Zeitzeugin bei den Nürnberger Prozessen aufzutreten. Seit 56 Jahren lebt Esther Bejarano in Hamburg. Zuvor war sie in Israel zu Hause. Das Bild ihrer Rettung, ein amerikanischer Panzer und freundliche Soldaten, wird sie ihr Leben nicht vergessen, betont die zierliche kleine Frau. Mit leisen Tönen schaffte Esther Bejarano es, die Schüler an ihrer Leidensgeschichte teilhaben zu lassen und ihnen den Wert der Freiheit und Verantwortung zu vermitteln. „In unserer Welt sehe ich zu viele Parallelen zu damals, das ist schrecklich und darf sich nicht wiederholen. Wir haben die Verantwortung Flüchtlinge aufzunehmen, wenn sie in Not sind.“ Geschichte und Politik gehen immer Hand in Hand war das Fazit der Oberstufenschüler Jannes, Paul und Anne-Kristin. Jannes: „Wer seine Identität finden will, muss sich auch mit der Geschichte auseinandersetzen.“ Ester Bejarano hat 2013 ihre Lebensgeschichte in dem Buch „Erinnerungen“ aufgeschrieben. (cs)
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